{"id":99,"date":"2015-04-23T11:43:10","date_gmt":"2015-04-23T09:43:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=99"},"modified":"2015-09-17T01:44:09","modified_gmt":"2015-09-16T23:44:09","slug":"narzissten-mit-kontrollverlust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=99","title":{"rendered":"Narzissten mit Kontrollverlust"},"content":{"rendered":"<div class=\"head\">\n<p class=\"intro\"><strong>Die Ausstellung \u00bbK\u00fcnstler und Propheten\u00ab in der Frankfurter Kunsthalle Schirn will eine geheime Geschichte der Moderne erz\u00e4hlen. Dabei vergisst sie einige Details.<\/strong><\/p>\n<p>Die Mitarbeiterin der Kunsthalle Schirn nickt ernst und bedeutungsvoll, als sie ihrem F\u00fchrungsgast erkl\u00e4rt, eigentlich m\u00fcsse man die Texte der ausgestellten Brosch\u00fcren und Briefe alle durchlesen: \u00bbDa merkt man erst, wie viel die sich dabei gedacht haben und was da alles dahintersteckt.\u00ab Ehrf\u00fcrchtig schauen die beiden nun in Richtung der n\u00e4chsten Vitrinen voller Papier, bevor sie dann doch weiter zu den bunten Bildern Friedensreich Hundertwassers eilen. In den Vitrinen der Frankfurter Ausstellung befinden sich die textlichen Hinterlassenschaften der \u00bbPropheten\u00ab, die \u00bbeine geheime Geschichte der Moderne\u00ab mit K\u00fcnstlern wie Joseph Beuys, Egon Schiele, J\u00f6rg Immendorf oder Friedensreich Hundertwasser verbinden soll.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"body\">\n<div class=\"pic\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/jungle-world.com\/images\/000\/007\/090\/\/big_d-08-geheimegeschichte-h1923.jpg\" alt=\"Heinrich Vogeler: Die Geburt des neuen Menschen, 1923\" \/><\/p>\n<div class=\"cap\">Heinrich Vogeler: Die Geburt des neuen Menschen, 1923 <span class=\"agency\">(Foto: \u00a9 Foto: Barkenhoff-Stiftung Worpswede)<\/span><\/div>\n<\/div>\n<p>Diese selbsternannten \u00bbK\u00fcnstler-Propheten\u00ab stellen eine illustre Schar von Gurus und Aussteigern dar, die in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg und dann in den Nachkriegs- und Inflationsjahren der Weimarer Republik von sich reden machten. Als der Nationalsozialismus die Macht \u00fcbernahm, seien sie bereits \u00bbLegenden\u00ab gewesen, wie es in der Diktion der Ausstellung hei\u00dft. Die Reihe beginnt mit dem Maler und Kommunengr\u00fcnder Karl Wilhelm Diefenbach und seinem Sch\u00fcler Gusto Gr\u00e4ser\u00a0\u2013 beide haben von den Sandalen bis zum wallenden Haar den Jesus-Look und das Erscheinungsbild der Alternativen nachhaltig gepr\u00e4gt. Nach dem Krieg tritt Johannes Baader hinzu, der sich selbst als Oberdada bezeichnete, dann die \u00bbInflationsheiligen\u00ab\u00a0\u2013 lauter selbsterkl\u00e4rte Heilande der fr\u00fchen zwanziger Jahre, allesamt Meister des Selbstmarketing und der Selbstdarstellung, auf der Suche nach Gefolgschaft. Eine Sammlung von Postkarten des Jesus-Darstellers Gustav Nagel, die ihn in seinem \u00bbParadiesgarten\u00ab zeigen, den Tausende von Besuchern gegen Eintrittsgeld besichtigten, ist vielleicht der Trash-H\u00f6hepunkt der Ausstellung.<\/p>\n<p>In einen \u00bbsozialhistorischen Kontext\u00ab ordnet die Ausstellung das trotz Ank\u00fcndigung nicht ein. Im Gegenteil: Das tiefsinnige Unsinnsgeraune der legend\u00e4ren Propheten soll offensichtlich beeindrucken und nicht etwa irritieren. Eine historische Einordnung w\u00fcrde da wahrscheinlich nur st\u00f6ren. Kurze Erkl\u00e4rungen gibt es dennoch, mit bizarren Ergebnissen: So wird der Begriff Lebensreform nicht einmal erw\u00e4hnt, obwohl Diefenbach und Gr\u00e4ser zu den prominentesten Vertretern der Bewegung z\u00e4hlten. Auch wird unterschlagen, dass ein erheblicher Anteil des vorgestellten Personals zur v\u00f6lkischen Subkultur geh\u00f6rte. An fehlender Forschung kann es nicht liegen, in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist zu diesem Thema viel publiziert worden und die Verstrickungen und Hintergr\u00fcnde sind alles andere als geheim. Zudem machte der Schweizer Kurator Harald Szeemann die Lebensreformer vom Monte Verit\u00e0 mit einer ersten gro\u00dfen Ausstellung bereits vor 35\u00a0Jahren bekannt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Figur des Propheten und seiner lebensreformerischen Agenda faszinierend. So gro\u00df die Verlockung auch ist, das Auftauchen von Sekten, spiritueller Sinnsuche, Aussteigern, Vegetarismus, freier Liebe und Jesus-Latschen den Jahren nach 1968 zuzuschreiben; all diese Ph\u00e4nomene wurden bereits zu Beginn des 20.\u2009Jahrhunderts erprobt und fanden in den zwanziger Jahren einen ersten H\u00f6hepunkt. Als ungebrochene Geschichte kann diese Entwicklung jedoch nicht erz\u00e4hlt werden. Oder fragt sich keiner der Besucher, wieso Fidus alias Hugo H\u00f6ppener seine Tempelentw\u00fcrfe, die bis heute jedem Setdesigner einer Phantasy-Serie Ehre machen w\u00fcrden, 1905 ausgerechnet bei der \u00bbRichard Wagner Gesellschaft f\u00fcr germanische Kunst und Kultur\u00ab pr\u00e4sentierte? Denkt sich niemand etwas bei einem Blick \u00fcber all die v\u00f6lkischen Brosch\u00fcren, die so harmlos in den Auslagen pr\u00e4sentiert werden? Vielleicht k\u00e4me ja der eine oder andere doch ins Gr\u00fcbeln, wenn er w\u00fcsste, dass etwa die \u00bbChristrevolution\u00e4re\u00ab eine Synthese aus Ghandi, Hitler und Lenin herbeitr\u00e4umten. Streng vegetarisch, versteht sich.<\/p>\n<p>Es gibt seltsame Leerstellen in dieser Ausstellung. Die K\u00fcnstler-Propheten brachen ihre schr\u00e4gen Darstellungen keineswegs ironisch, es war ihnen ernst. Die Di\u00e4tvorschrift als Heilsplan zur Errettung der Welt, das ma\u00dflos \u00fcbersteigerte eigene Sendungsbewusstsein, die Verk\u00fcndung der nahenden Apokalypse und die Pose des Weltenretters: Kleine und gro\u00dfe F\u00fchrer waren sie alle. Und als solche Ausdruck ihrer Zeit.<\/p>\n<p>Die Ausstellung in der Schirn konnte nicht ganz auf einen dezenten Hinweis zum historischen Hintergrund verzichten\u00a0\u2013 bei Hitler wird es n\u00e4mlich ernst. Also hei\u00dft es bei der Pr\u00e4sentation von Arbeiten Friedrich Schr\u00f6der-Sonnensterns, fast schon am Ende der Ausstellung und geradezu beil\u00e4ufig, sein Werk habe Elemente parodiert, die \u00bbdie Rhetorik der Inflationspropheten und des \u203aDritten Reichs\u2039 verkn\u00fcpften\u00ab. Schr\u00f6der-Sonnensterns krakelige Buntstiftzeichnungen von Napoleon-Propheten und Scharlatanen, alle garniert mit schlaffen Penissen\u00a0\u2013 die Kunstgeschichte hat sich noch nicht entschieden, ob sie diese Bilder nicht prim\u00e4r einer psychischen Erkrankung ihres Urhebers zuschreiben m\u00f6chte \u2013, sind tats\u00e4chlich hochinteressant. Einen genaueren Blick auf die ideologischen und historischen Bez\u00fcge, in denen sich das Zusammenwirken von \u00bbPropheten\u00ab und K\u00fcnstlern entwickelte\u00a0\u2013 Jugendbewegung, v\u00f6lkisches Denken, Antisemitismus, die Aufl\u00f6sung traditioneller religi\u00f6ser Milieus, Krisenerfahrung und Gro\u00dfstadtfeindschaft\u00a0\u2013 ersetzen sie nicht.<\/p>\n<p>Antworten liefert die Ausstellung keine, entscheidende Fragen werden eher zuf\u00e4llig gestellt. Wie kommt es, dass Fidus sein Leben lang Tempel und arische Lichtgestalten zeichnete, w\u00e4hrend Frantisek Kupka zwar auch in brav symbolischer Manier mit Tempeln und Sphinxalleen begann, aber bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zur Abstraktion fand? Und was ist eigentlich mit J\u00f6rg Immendorf 1968 passiert? Da sind seine fr\u00fche Arbeiten aus den Sechzigern, die freundlich-ironisch das weltverbessernde Gurugehabe seines Lehrers Beuys karikieren\u00a0\u2013 eine Wand weiter h\u00e4ngen Bilder aus den fr\u00fchen siebziger Jahren, die mit Ankl\u00e4ngen an naive Malerei Vietnam-Demonstrationen und DKP-Wahlkampfaktionen zeigen. Das ganze Elend des Sektenwesens der K-Gruppen wird hier schlagartig sichtbar. Klar wird allerdings auch, dass die Zeichnungen keineswegs mehr ironisch gemeint waren. Genauso wenig wie die Agitproparbeiten Heinrich Vogelers, die in der Ausstellung direkt gegen\u00fcber h\u00e4ngen. Warum Vogeler, der mit Jugendstil begann, nach dem Ersten Weltkrieg eine Kommune im nieders\u00e4chsischen Worpswede gr\u00fcndete, schlie\u00dflich \u00bbArbeiterstudenten auf einem Sowjetgut\u00ab malte und die Geburt des \u00bbNeuen Menschen\u00ab erwartete, erschlie\u00dft sich nur, wenn man einen Blick auf das historische Erleben dieser Generation und die Konjunktur von Ideologien wirft. Informationen hierzu bietet die Ausstellung nicht.<\/p>\n<p>Die Ausstellung w\u00fcrde vermutlich gern lauter nette Geschichten erz\u00e4hlen. Vom \u00bbkreativen Handeln zum Wohl der Gemeinschaft\u00ab, von Beuys und seinem \u00bbrettet den Wald\u00ab bis zu Hundertwassers \u00bbganzheitlicher\u00ab Kunstauffassung\u00a0\u2013 und alles irgendwie mit den etwas schr\u00e4gen \u00bbirrationalen\u00ab, aber doch auch sympathischen \u00bbPropheten\u00ab in Zusammenhang bringen. Aber es weht den Betrachter ein kalter Schauder an, wenn er erst die mit gro\u00dfer Geste predigenden Heilande betrachtet hat und dann den \u00fcberlebensgro\u00dfen Beuys, der mit ausgreifendem Schritt auf einen zukommt; oder die Fotografien vom 1920 stattgefundenen Zug der \u00bbNeuen Schar\u00ab durch Th\u00fcringen, einer hysterischen Massenbewegung, die ihrem Propheten Friedrich Muck-Lamberty durch Kleinst\u00e4dte folgte, Volkst\u00e4nze und Reigen auff\u00fchrte und die Revolution der Seele am Lagerfeuer verk\u00fcndete. Der Prophet immer umgeben von Kinderscharen, der Rattenf\u00e4nger von Hameln l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist eine Ausstellung mit interessantem historischem Material und einigen sehr sch\u00f6nen Bildern etwa von Egon Schiele\u00a0\u2013 die aber etwas willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlt wirken. Und zudem das schale Gef\u00fchl, dass die wahre geheime Geschichte der Moderne doch wieder verheimlicht worden ist.<\/p>\n<p><i>Die Ausstellung \u00bbK\u00fcnstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872\u20131972\u00ab ist bis zum 14.\u2009Juni in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt zu sehen.<\/i><\/p>\n<p>Erschienen in der<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/16\/51809.html\"> Jungle World 16\/15<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung \u00bbK\u00fcnstler und Propheten\u00ab in der Frankfurter Kunsthalle Schirn will eine geheime Geschichte der Moderne erz\u00e4hlen. Dabei vergisst sie einige Details. 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