{"id":95,"date":"2015-04-08T00:53:10","date_gmt":"2015-04-07T22:53:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=95"},"modified":"2015-09-17T01:47:35","modified_gmt":"2015-09-16T23:47:35","slug":"bomben-auf-sanaa-den-konflikt-im-jemen-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=95","title":{"rendered":"Bomben auf Sanaa &#8211; den Konflikt im Jemen verstehen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es ein wirklich \u00fcbles Anzeichen f\u00fcr die Entwicklung im Jemen gibt, dann ist das wohl die Ank\u00fcndigung des somalischen Innenministers Mohammed Abdi Hayr Mareye, wegen der verschlechterten Sicherheitslage im Jemen die dort auf eine Evakuierung wartenden Somalier zur\u00fcckzubringen. Das wird sich kaum auf alle gesch\u00e4tzt 500\u2009000 Somalier beziehen, die seit den neunziger Jahren vor dem somalischen B\u00fcrgerkrieg in den Jemen gefl\u00fcchtet sind. Fl\u00fcchtlinge aus einem failed state: Es sieht so aus, als ob dieses Schicksal in n\u00e4chster Zeit auch viele Jemeniten selbst betreffen k\u00f6nnte. Der Zerfall des jemenitischen Staats war seit langem vorhersehbar, die Intervention der saudischen Luftwaffe im Jemen k\u00f6nnte nun der entscheidende Impuls sein, die seit Jahren zwar immer wieder aufflackernden, aber vergleichsweise begrenzten K\u00e4mpfe in einen desastr\u00f6sen, offenen Krieg zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Angriff der Saudis und ihrer dazugekauften arabischen Verb\u00fcndeten hatte ebenfalls eine lange Ansagezeit, wenn er auch nicht in dieser v\u00f6llig unverdeckten Form zu erwarten war. Aber das ist ein eher schlechtes Zeichen, denn die Bombenangriffe der \u00bbOperation Decisive Storm\u00ab\u00a0\u2013 was wohl nicht zuf\u00e4llig an \u00bbDesert Storm\u00ab, den Irak-Krieg des Jahres 1991, erinnert\u00a0\u2013 m\u00fcssten zumindest irgendein symbolisches Ziel erreichen, um ohne Gesichtsverlust eingestellt werden zu k\u00f6nnen. Aber was k\u00f6nnte das sein? Die mittlerweile nach dem Vorbild der Hizbollah organisierten Houthis werden die Waffen nicht einfach so strecken. Wieso sollten sie? Es sieht auch nicht so aus, als ob die Strategen in Riad einen Plan B h\u00e4tten, und wom\u00f6glich ist \u00bbDecisive Storm\u00ab genau das, wonach es momentan aussieht: die Entscheidung, offen Krieg zu f\u00fchren, um bewusst eine Eskalation herbeizuf\u00fchren. Wenn die Kosten in einem Konflikt dramatisch steigen, kommt es darauf an, wer das meiste Geld hat. Und da k\u00f6nnen die Saudis problemlos mithalten.<\/p>\n<p><b>Hinter der tats\u00e4chlich umw\u00e4lzenden Entscheidung der Golfmonarchen,<\/b> selbst zu kriegf\u00fchrenden Akteuren zu werden, steht der R\u00fcckzug der US-Amerikaner unter Pr\u00e4sident Barack Obama aus dem Nahen Osten sowie deren Kooperation mit dem Iran. Der Au\u00dfenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Anwar Mohammed Gargash, brachte es bei Twitter auf den Punkt: \u00bbStrategisch profitiert der Iran von den Ver\u00e4nderungen in der Region und wir k\u00f6nnen nicht tatenlos zusehen, wenn die Houthis unter der iranischen Fahne marschieren.\u00ab<\/p>\n<p>Die Herrscher auf der arabischen Halbinsel\u00a0\u2013 mit der Ausnahme von Oman, das eine au\u00dfenpolitisch extrem vorsichtige Sonder- und Vermittlerrolle spielt\u00a0\u2013 mussten nach ihrem strategischen Kalk\u00fcl der von den USA zuletzt immer offener tolerierten Expansion des Iran irgendwann ein Hindernis in den Weg stellen. Dieser Zeitpunkt ist nun aus mehreren Gr\u00fcnden gekommen, der \u00fcberraschende Siegeslauf der Houthis seit Sommer 2014 und ihr j\u00fcngster Vorsto\u00df in Richtung des s\u00fcdjemenitischen Aden sind nur der Anlass des Bombenkriegs. Die Saudis machen mit ihren Luftangriffen auch deutlich, was sie von dem drohenden Abschluss der Atomverhandlungen mit dem Iran halten.<\/p>\n<p>Verhandlungen, deren erfolgreichen Abschluss Obama angesichts der verheerenden Bilanz seiner Nahost-Politik genauso dringend braucht wie der sanktionsgebeutelte Iran, der seine Verb\u00fcndeten in Syrien, im Irak, im Libanon und nun auch im Jemen finanzieren muss. Der Personalwechsel in Saudi-Arabien nach der Einsetzung des neuen K\u00f6nigs Salman d\u00fcrfte ebenfalls eine Rolle spielen, sein Sohn Mohammed, der neue Verteidigungsminister, ist erst Mitte drei\u00dfig. Der Generationswechsel verspricht nichts Gutes f\u00fcr den Jemen, Abdul Malik al-Houthi, der F\u00fchrer der Houthis, geh\u00f6rt derselben Altersgruppe an, und Ahmed Saleh, der Sohn des ehemaligen jemenitischen Dauerpr\u00e4sidenten Ali Abdullah Saleh, hat sich von den Anh\u00e4ngern seines Vaters bereits als Pr\u00e4sidentschaftskandidat feiern lassen.<\/p>\n<p>Aber der Konflikt im Jemen ist keineswegs nur ein Stellvertreterkrieg\u00a0\u2013 neben der gro\u00dfen regionalen Auseinandersetzung Iran versus Saudi-Arabien gibt es eine Reihe von innerjemenitischen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Versch\u00e4rfung der Lage. Auch hier wirkt der saudische Angriff fast wie eine Art Befreiungsschlag, der klarere Frontlinien herstellt. Dass die Houthis 2014 so umstandslos die Hauptstadt Sanaa einnehmen und vor allem kontrollieren konnten, verdankt sich wie ihr j\u00fcngster Vormarsch in Richtung S\u00fcden dem B\u00fcndnis mit Ali Abdullah Saleh. Dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten folgt weiterhin der wohl am besten ausger\u00fcstete Teil des Milit\u00e4rs, die ehemalige Pr\u00e4sidialgarde.<\/p>\n<p>Es sind vor allem die St\u00fctzpunkte dieser Saleh ergebenen Milit\u00e4reinheiten, die von den Bombenangriffen betroffen sind. Der amtierende jemenitische Pr\u00e4sident Abd Rabbuh Mansur Hadi, der jahrelang unter Saleh als stellvertretender Ministerpr\u00e4sident diente, konnte zwar im Februar aus dem Hausarrest der Houthis fliehen, machtpolitisch ist er allerdings ein Leichtgewicht. Auch deshalb ist er von saudischer Hilfe abh\u00e4ngig. Die Milizion\u00e4re der \u00bbVolkskomitees\u00ab, die rund um die s\u00fcdjemenitische Metropole Aden gegen die Houthis und ihre Verb\u00fcndeten k\u00e4mpfen und bisher Hadi unterst\u00fctzen, sind tendenziell separatistisch eingestellt. Wenn es Hadi nicht schnell gelingt, mit saudischer Unterst\u00fctzung die Reste der staatlichen Struktur zu stabilisieren, d\u00fcrfte der Kampf um eine ziemlich perspektivlose s\u00fcdjemenitische Unabh\u00e4ngigkeit beginnen.<\/p>\n<p>Die machtpolitischen Verh\u00e4ltnisse im Jemen sind un\u00fcbersichtlich. Salehs verschlungene Pfade sind daf\u00fcr das beste Beispiel; er hat als Pr\u00e4sident des Jemen ann\u00e4hernd ein Dutzend Kriege gegen die Houthis gef\u00fchrt, bis er sich mit ihnen verb\u00fcndete. Seine auch von den Saudis gehasste Konkurrenz von der Islah-Partei\u00a0\u2013 den Muslimbr\u00fcdern\u00a0\u2013 haben die Houthis im Sommer 2014 ausgeschaltet. Sein pers\u00f6nlicher Rivale, General Ali Mohsin, musste ebenfalls aus Sanaa fliehen\u00a0\u2013 nach Saudi-Arabien, weshalb l\u00e4ngst Spekulationen die Runde machen, was der verbitterte Warlord mit \u00bbDecisive Storm\u00ab zu tun haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><b>Die jemenitische Politik mit ihren Stammeskl\u00fcngeln, Familienbanden, Intrigen und Verr\u00e4tereien<\/b> erinnert an \u00bbGame of Thrones\u00ab, nur die Drachen und die Frauen fehlen. Insofern ist auch das vom Nachrichtensender al-Arabiya kolportierte Ger\u00fccht gar nicht so unplausibel, Saleh habe den Saudis einen Coup gegen die Houthis angeboten, wenn man ihn aus dem Fadenkreuz der Bomber n\u00e4hme. Al-Arabyia steht der saudischen Regierung extrem nahe und solche Ger\u00fcchte \u00fcber Saleh dienen einem offensichtlichen propagandistischen Zweck. Doch vielleicht war das tats\u00e4chlich der Plan von Saleh und er hat sich nur das eine entscheidende Mal verrechnet: zuerst seine Feinde von den Houthis aus dem Weg r\u00e4umen zu lassen, um dann die Houthis zu beseitigen und seinen Sohn als Retter der jemenitischen Nation zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Das von westlichen Diplomaten ab 2012 so gepriesene und ernsthaft als L\u00f6sung f\u00fcr Syrien vorgeschlagene \u00bbjemenitische Modell\u00ab bestand letztlich nur darin, den grundlegenden Konflikten aus dem Weg zu gehen. Vor allem war man \u2013 und waren nicht zuletzt auch die Saudis\u00a0\u2013 bestrebt, Saleh nicht anzutasten, womit man ihm die M\u00f6glichkeit gab, weiterhin als Schattenpr\u00e4sident zu agieren. Die Demonstranten des \u00bbarabischen Fr\u00fchlings\u00ab in Sanaa lie\u00df man dagegen alleine. Das Desaster im Jemen ist auch ein hervorragendes Beispiel f\u00fcr das Scheitern von angeblich knallhart kalkulierender Realpolitik.<\/p>\n<p>Ein jemenitischer Analyst sch\u00e4tzt, dass es derzeit elf gr\u00f6\u00dfere \u00fcberregional operierende Gruppen gibt, die zusammen rund 320\u2009000 Bewaffnete ins Feld schicken k\u00f6nnen. Die meisten dieser K\u00e4mpfer sind sehr jung und haben kein Zukunftsversprechen au\u00dfer ihrer Kalaschnikow. Wenn dieses Potential komplett entfesselt w\u00fcrde, w\u00e4re ein Ende der K\u00e4mpfe kaum absehbar. Der Jemen rangiert schon seit Jahren in den Bereichen, die eigentlich humanit\u00e4re Katastrophen signalisieren. Die Hilfsorganisation Oxfam warnte erst im Januar davor, dass von den 24\u00a0Millionen Jemeniten zehn Millionen nicht genug zu essen haben. Doch bislang war die gesellschaftliche Struktur noch vorhanden und funktionsf\u00e4hig, genauso wie staatliche Institutionen\u00a0\u2013 und es herrschte der unbedingte Wille vor, diesen Zustand zu erhalten. Ein Jemen im offenen Krieg wird umgehend die F\u00e4higkeit verlieren, diese Dauerkrise weiterhin zu meistern.<\/p>\n<p><b>Ein entscheidender Faktor f\u00fcr die unmittelbare Zukunft des Landes<\/b> ist die Frage, ob der milit\u00e4rische Vorsto\u00df der Saudis und ihrer Verb\u00fcndeten auch den ernsthaften Einsatz von Bodentruppen beinhalten wird. Die Saudis haben hier bisher eher doppeldeutige Antworten gegeben. Die seit Monaten erwartete Gr\u00fcndung einer arabischen Eingreiftruppe (Jungle World 46\/14) wurde am Wochenende auf dem Treffen der Arabischen Liga in Aqaba beschlossen. Aber was k\u00f6nnte das Ziel einer extrem risikoreichen und wahrscheinlich sehr blutigen Bodenoffensive sein?<\/p>\n<p>Sowohl Saudi-Arabien wie \u00c4gypten, dessen Milit\u00e4r wohl einen gro\u00dfen Anteil der Truppen zu stellen h\u00e4tte, haben bittere Erfahrungen mit einer milit\u00e4rischen Intervention im Jemen. Beide L\u00e4nder griffen in den sechziger Jahren im jemenitischen B\u00fcrgerkrieg ein und wurden, obwohl auf gegnerischen Seiten stehend, beide besiegt. Es gibt kein realistisches Ziel eines Einmarsches im Jemen\u00a0\u2013 nur die Perspektive, uns\u00e4gliches Chaos zu verbreiten. Die einzigen, die man als Nutznie\u00dfer der ganzen Malaise ansehen darf, sind die K\u00e4mpfer von al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (Aqap) sowie islamistische Gruppen, die sich dem \u00bbIslamischen Staat\u00ab andienen wollen.<\/p>\n<p>Letztere haben mit den j\u00fcngsten Selbstmordanschl\u00e4gen auf zaiditisch-schiitische Moscheen in Sanaa bereits bewiesen, dass sie daran arbeiten, den Konflikt im Jemen blutig zu konfessionalisieren. Das Operationsgebiet von Aqap umfasst bereits jetzt den gr\u00f6\u00dften Teil des s\u00fcdjemenitischen Territoriums. Die Vorteile eines allgemeinen Kriegs liegen f\u00fcr Aqap auf der Hand. Die Glaubenskrieger k\u00f6nnen im Chaos nur gewinnen. Wenn sie denn keine Islamisten w\u00e4ren\u00a0\u2013 nach den ersten saudischen Bombenangriffen h\u00e4tten bei ihnen die Sektkorken knallen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Erschienen in der<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/14\/51715.html\"><em> Jungle World<\/em> 14\/15<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es ein wirklich \u00fcbles Anzeichen f\u00fcr die Entwicklung im Jemen gibt, dann ist das wohl die Ank\u00fcndigung des somalischen Innenministers Mohammed Abdi Hayr Mareye, wegen der verschlechterten Sicherheitslage im Jemen die dort auf eine Evakuierung wartenden Somalier zur\u00fcckzubringen. 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