{"id":92,"date":"2015-03-22T20:32:32","date_gmt":"2015-03-22T19:32:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=92"},"modified":"2015-09-17T01:48:19","modified_gmt":"2015-09-16T23:48:19","slug":"zu-tom-hollands-im-schatten-des-schwertes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=92","title":{"rendered":"Zu Tom Hollands &#8222;Im Schatten des Schwertes&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr einen hartgesottenen Salafisten irgendwo in seinem W\u00fcstencamp m\u00fcsste die Lekt\u00fcre von Tom Hollands Buch \u00bbIm Schatten des Schwertes\u00ab \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Islam und die arabische Expansion einem Albtraum gleichkommen. Der Koran? Vermutlich lange nach Mohammeds Tod geschrieben. Die Hadithen, die gesammelten Ausspr\u00fcche Mohammeds? Ihre Ableitung von Zeitzeugen ist fiktiv, auch sie sind historisch in einer sp\u00e4teren Zeit zu verorten und sind damaligen politischen Gegebenheiten folgend immer wieder neu- und umgeschrieben worden. Und Mohammed? Man wei\u00df eigentlich gar nichts \u00fcber ihn\u00a0\u2013 jedenfalls nach den Ma\u00dfst\u00e4ben kritisch-rationalen Wissenschaftsverst\u00e4ndnisses. Klar erscheint nur eines: So wie es im Koran steht und in zahl\u00adlosen Sachb\u00fcchern, die auf seinen Erz\u00e4hlungen aufbauen, ist es jedenfalls nicht gewesen.<\/p>\n<p>Was Tom Holland mitteilt, ist im Einzelnen nicht unbedingt neu, Zweifel an der historischen Zuverl\u00e4ssigkeit der kanonischen Texte des Islam kamen bereits im 19.\u2009Jahrhundert auf. Holland ist auch kein Fachmann f\u00fcr fr\u00fchislamische Geschichte, sondern ein englischer Historiker mit ausgepr\u00e4gtem Sinn f\u00fcr dramatisches Erz\u00e4hlen, aber vermutlich macht genau das sein Buch zu einer\u00a0\u2013 manchmal vielleicht schon etwas zu\u00a0\u2013 unterhaltsamen Lekt\u00fcre. Vieles bleibt dabei aufgrund der d\u00fcrftigen Quellenlage Spekulation, aber Holland macht deutlich, wo das gesicherte Wissen endet, und das ist oft verbl\u00fcffend.<\/p>\n<p><b>Da ist etwa die Frage, von welchem \u00bbMekka\u00ab im Koran eigentlich die Rede ist<\/b> und wo es gelegen haben k\u00f6nnte. Holland vermutet den damit gemeinten Ort in der \u00dcbergangszone zwischen der arabischen W\u00fcste und Pal\u00e4stina. Das immer wieder angef\u00fchrte Bild vom heutigen Mekka als einem bereits in der Sp\u00e4tantike vielbesuchten, kosmopolitischen Wallfahrtsort in der W\u00fcste h\u00e4lt er jedenfalls f\u00fcr schlicht falsch. Oder die Frage nach den \u00bbKuraisch\u00ab und wer damit gemeint sein k\u00f6nnte. Der muslimischen Tradition zufolge, die in unz\u00e4hligen B\u00fcchern \u00fcber den Islam wiedererz\u00e4hlt wird, als handele es sich um eine unbezweifelbare Tatsache, ist das der Name von Mohammeds Stamm. Nur taucht dieser angeblich so m\u00e4chtige Clan in keiner zeitgen\u00f6ssichen Quelle auf. Vielleicht, so Hollands Vermutung, wurden als \u00bbKuraisch\u00ab in einem syrischen Dialekt auch blo\u00df die arabischen Hilfstruppen der Byzantiner bezeichnet.<\/p>\n<p>Der Nahe Osten als Schlachtfeld jahrhundertelanger Kriege von R\u00f6mern und Byzantinern gegen das persische Gro\u00dfreich der Sassaniden, das ist die Arena, in der Hollands Geschichte sich abspielt. Es ist eine so umk\u00e4mpfte wie wohlhabende und von sogenannten Gottsuchern heimgesuchte Landschaft. Da harren syrische \u00bbS\u00e4ulenheilige\u00ab zum Lobe Gottes jahrelang auf hohen S\u00e4ulen aus, w\u00e4hrend das Christentum zur Staatsreligion mutiert. In Babylonien, auf dem Gebiet des heutigen Irak, wird in j\u00fcdischen Religionsschulen der Talmud verfasst und der Rabbi als Leitfigur erfunden. In Persien qualmen derweil die heiligen Feuer der Zoroastrier und mit dem Propheten Mani taucht ein neuer Religionsgr\u00fcnder auf, der zum Verdruss seiner religi\u00f6sen Konkurrenz eklektizistisch alle m\u00f6glichen Lehren mischt. In diesem weiten Raum der Sp\u00e4tantike im Nahen Osten, das ist der Kern von Hollands Erz\u00e4hlung, entsteht die bis heute g\u00fcltige Grundlage des Konzeptes \u00bbReligion\u00ab.<\/p>\n<p>Und dann machen sich, nachdem die letzten Feldz\u00fcge zwischen Byzantinern und Persern \u00adbesonders verheerend verlaufen sind und die Pest schlie\u00dflich den Nahen Osten nahezu entv\u00f6lkert hat, aus der arabischen W\u00fcste stammende Hilfstruppen der geschw\u00e4chten Imperien Byzanz und Persien unabh\u00e4ngig und greifen die alten Reiche erfolgreich an. Sie beginnen sich irgendwann \u00bbMuslime\u00ab zu nennen, an was genau sie anfangs geglaubt und wie sie sich selbst definiert haben, wei\u00df man eben nicht. Es sind Warlords und sie stammen aus einer Randzone der gro\u00dfen Impe\u00adrien, in der sich diverse Sekten und versprengte Gottsucher aufhalten. \u00dcber 200 Jahre sp\u00e4ter, nach einer erfolgreichen Reichsgr\u00fcndung noch im sp\u00e4tantiken Stil, entsteht im Konflikt zwischen Herrscher und Rechtsgelehrten der Kanon der \u00bbmuslimischen\u00ab Schriften. Darunter sind auch Biographien \u00fcber den Religionsstifter Mohammed, die dessen Geschichte immer detaillierter und reichhaltiger ausschm\u00fccken, je mehr Zeit vergeht. Das ist in der Tat aus Sicht des Historikers eher beunruhigend.<\/p>\n<p><b>Wie es aber tats\u00e4chlich war mit Mohammed und den fr\u00fchen \u00bbMuslimen\u00ab,<\/b> das zu wissen gibt Holland nicht vor. Aber gerade aus dieser dunklen Stelle gewinnt er eine faszinierende Perspektive. Die meist nur polemisch gestellte Frage, ob es denn Mohammed \u00bbwirklich\u00ab gegeben habe, interessiert ihn dabei nicht recht; da es kein zeitgen\u00f6ssisches Material \u00fcber den Propheten gibt, schreibt er seine Geschichte schlicht ohne ihn. \u00dcberhaupt tauchen die Araber erst im letzten Drittel des Buches auf. Was Holland interessiert und wor\u00fcber es reichhaltiges Quellenmaterial gibt, ist der sp\u00e4tantike Kontext, in dem eben auch das, was wir heute Islam nennen, entstanden ist.<\/p>\n<p>In Deutschland ist dagegen die Diskussion \u00fcber die sp\u00e4tantiken\u00a0\u2013 mutma\u00dflich partiell j\u00fcdischen und christlichen\u00a0\u2013 Einfl\u00fcsse auf den Islam, wen wundert es, in der letzten Dekade eher erbittert und nicht so unpr\u00e4tenti\u00f6s wie bei Holland gef\u00fchrt worden. Da gab es heftigen Feuilleton\u00adstreit \u00fcber die auf Sprachanalysen basierende Theorie eines Christoph Luxenberg, der hinter dem Koran einen syrisch-christlichen Urtext vermutete. Ihm folgte der katholische Theologe Karl-Heinz Ohlig, der die These vertrat, mit Mohammed sei urspr\u00fcnglich Jesus gemeint gewesen. Schlie\u00dflich kam der Numismatiker Volker Popp, der auf christliche Symbole auf fr\u00fchislamischen M\u00fcnzen verwies. Einen gewissen H\u00f6hepunkt fand diese Debatte, als Muhammad Sven Kalisch, Professor f\u00fcr Islamische Religion, der zum ersten Mal in Deutschland muslimische Religionslehrer ausbilden sollte, die Historizit\u00e4t Mohammeds anzweifelte, worauf ihm Islamverb\u00e4nde gleich wieder das Mandat f\u00fcr den Religionsunterricht entzogen. Kalisch hat in der Folge den Vornamen Muhammad wieder abgelegt und versteht sich nicht mehr als Muslim.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite in dieser Debatte stand die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth, deren Projekt \u00bbCorpus Coranicum\u00ab einer kritischen Koranausgabe zwar ebenfalls auf den sp\u00e4tantiken Kontext des Korans zielt, die sich aber mit ihren Schlussfolgerungen eher bedeckt h\u00e4lt\u00a0\u2013 schlie\u00dflich m\u00f6chte man auch weiterhin mit muslimischen Gelehrten kooperieren. Wie ihre Kontrahenten mischt Neuwirth, die gerade den Sigmund-Freud-Preis f\u00fcr wissenschaftliche Prosa verliehen bekommen hat, eine kr\u00e4ftige Dosis Ideologie unter ihre wissenschaftlichen Absichten. Sie begreife das \u00bbGr\u00fcndungsdokument des Islam\u00ab, so die Preisjury, als einen europ\u00e4ischen Text. Geht es n\u00e4mlich der einen Fraktion oder zumindest einem Gro\u00dfteil ihrer \u00bbislamkritischen\u00ab Anh\u00e4nger letztlich darum, den Koran und damit den Islam als was auch immer zu entlarven, m\u00fcht sich Neuwirth, und da wird nat\u00fcrlich gerne auch Goethe herbeizitiert, den Koran \u00bbals Teil unserer Theologie- und Geistesgeschichte erkennbar zu machen\u00ab.<\/p>\n<p>Ob aber diese sicherlich sehr wohlmeinende Absicht zwischen Rabat und Karatschi Anklang findet wird, wird sich erst noch zeigen m\u00fcssen. Die historisch-kritische Analyse islamischer Texte, die nat\u00fcrlich zu der Erkenntnis f\u00fchrt, dass auch diese Texte historisch gewachsen und \u00bbgemacht\u00ab sind, gesellschaftlichen Einfl\u00fcssen unterlagen und immer wieder kompiliert und ver\u00e4ndert worden sind, ist f\u00fcr orthodoxe Gl\u00e4ubige bisher ein Affront sondergleichen.<\/p>\n<p><b>Dass sie diese ganze westliche Diskussion \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Islam nicht sonderlich interessiert<\/b>\u00a0\u2013 oder aber dass sie ihr im buchst\u00e4blichen Sinn den historischen Boden entziehen wollen\u00a0\u2013 demonstrieren gerade die Saudis in Mekka und Medina. Diese heiligen St\u00e4tten des Islam werden ausgebaggert und umgegraben, Hotelt\u00fcrme, Parkpl\u00e4tze und Einkaufszentren entstehen genau dort, wo sich vielleicht manche Antworten auf fr\u00fchislamischen Geschichte finden lie\u00dfen. Im M\u00e4rz dieses Jahres war es der mit Abstand \u00e4lteste Bauteil des inneren Bezirks um die Kaaba in Mekka, der nicht nur demoliert, sondern bis in die Tiefe ausgeschachtet wurde. Entsetzte mus\u00adlimische Sachverst\u00e4ndige gehen mittlerweile davon aus, dass in Mekka und Medina bereits \u00fcber 90\u00a0Prozent aller arch\u00e4ologischen und historischen Pl\u00e4tze zerst\u00f6rt worden sind.<\/p>\n<p>Das 13\u00a0Milliarden Dollar teure Umbauprogramm der saudischen Regierung dient offiziell dem Pilgertourismus, allerdings waren den saudischen Wahhabiten mit historischen Bauten verbun\u00addene religi\u00f6se Orte seit jeher mehr als suspekt. Schlie\u00dflich k\u00f6nnte sich dort, etwa an Gr\u00e4bern von \u00bbProphetengef\u00e4hrten\u00ab, so etwas wie G\u00f6tzenverehrung etablieren. Das Programm einer so unhinterfragbaren wie geschichtslosen und mit protzigem Neubaucharme versehenen Religion ist jedenfalls konsequent. Vermutlich werden auch daher viele der mit Lust durchdeklinierten Fragen eines Tom Holland f\u00fcr immer unbeantwortet bleiben.<\/p>\n<p>Erschienen in der<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/45\/48774.html\"><em> Jungle World<\/em> 45\/13<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr einen hartgesottenen Salafisten irgendwo in seinem W\u00fcstencamp m\u00fcsste die Lekt\u00fcre von Tom Hollands Buch \u00bbIm Schatten des Schwertes\u00ab \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Islam und die arabische Expansion einem Albtraum gleichkommen. Der Koran? Vermutlich lange nach Mohammeds Tod geschrieben. Die Hadithen, die gesammelten Ausspr\u00fcche Mohammeds? 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