{"id":8,"date":"2015-02-18T15:32:19","date_gmt":"2015-02-18T14:32:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=8"},"modified":"2015-02-20T14:38:30","modified_gmt":"2015-02-20T13:38:30","slug":"verkitschter-terror","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=8","title":{"rendered":"Verkitschter Terror &#8211; Anmerkungen zum &#8222;Kalifat&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"menuR\"><\/div>\n<div class=\"menuR\">Kinder dr\u00e4ngen sich um einen kleinen Eiswagen, sie bekommen heute kostenlos Eis. Auch ein junger Jihadist mit notorischem Zottelb\u00e4rtchen schleckt ein Schokoladeneis und l\u00e4sst mit den Kindern zwischendurch den \u00bbIslamischen Staat\u00ab hochleben. Es sind im \u00dcbrigen nur Jungen, die hier im syrischen Raqqa vom S\u00fc\u00dfigkeitenonkel des \u00bbIslamischen Staats\u00ab f\u00fcr ein Propagandavideo angelockt werden. Frauen und M\u00e4dchen kommen in der Medienwelt der Jihadisten nicht einmal verschleiert vor. Im bizarren Weltverst\u00e4ndnis des frisch gegr\u00fcndeten \u00bbKalifats\u00ab gilt das Steinigen auch von Frauen zwar als gottgef\u00e4llig\u00a0\u2013 aber die Steinigungsvideos zeigen konsequent nur die m\u00e4nnlichen Steiniger, nicht ihr weibliches Opfer.<\/div>\n<div class=\"body\">\n<p>Die mediale Selbstdarstellung des \u00bbIslamischen Staats im Irak und Syrien\u00ab (Isis)\u00a0\u2013 seit Ausrufung des Kalifats meist nur noch als \u00bbIslamischer Staat\u00ab (IS) bezeichnet\u00a0\u2013 besteht aus krudester Gewaltpornographie, gepaart mit Bildern von Schafherden, betenden M\u00e4nnern oder Jungen auf einer Spielplatzschaukel. Enthemmter Terror und kitschiges Idyll geh\u00f6ren hier untrennbar zusammen. Als die Jihadisten im Juli weite Teile des Nordirak \u00fcberrannten, lie\u00dfen die ersten Aufnahmen von Gefangenenkolonnen Hunderter irakischer Soldaten nichts Gutes erahnen; es waren Bilder, die an die Abgr\u00fcnde des 20.\u2009Jahrhunderts erinnerten. L\u00e4ngst sind Videos von Massen\u00aderschie\u00dfungen dieser Soldaten verbreitet worden, deren Flehen um Gnade die Terrororganisation auch noch gen\u00fcsslich dokumentiert hat.<\/p>\n<p><b>Die stolz pr\u00e4sentierten Gewaltakte sollen Angst und Panik<\/b> verbreiten sowie als Werbung f\u00fcr den jihadistischen Nachwuchs dienen. Denn genau diese Gewaltverherrlichung, gepaart mit dem scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der Isis-K\u00e4mpfer, macht das \u00bbKalifat\u00ab f\u00fcr seine Klientel von Jihadistenaspiranten aus aller Welt so attraktiv. Die in zeitgem\u00e4\u00dfem Design daherkommende neue Isis-Propaganda legt von dieser Attraktivit\u00e4t beredt Zeugnis ab. Beim \u00bbAl Hayat Media Center\u00ab des neuen Gottesstaates spielt vermutlich der ehemalige Berliner Rapper Deso Dogg, der sich vom aktiven Kampf im Fr\u00fchjahr zur\u00fcckgezogen haben soll, eine tragende Rolle. Hier werben K\u00e4mpfer auf Englisch oder Deutsch f\u00fcr die sogenannten Gotteskrieger. Und es gibt nun auch das Internetmagazin Dabiq vom Isis, das offensichtlich das al-Qaida-Magazin Inspire imitiert. Der Isis beschreibt in seiner Publikation ganz offen die Strategie, die nun so reiche Fr\u00fcchte tr\u00e4gt: das Einsickern in Gebiete mit schwacher staatlicher Kontrolle, der erzwungene R\u00fcckzug des staatlichen Milit\u00e4rs in die Ballungszentren und die \u00dcbernahme l\u00e4ndlicher Gebiete durch die islamistischen K\u00e4mpfer. Nun folgt eine gezielte Ausweitung des Chaos bis zum v\u00f6lligen Zusammenbruchs staatlicher Strukturen, um schlie\u00dflich die Herrschaft in gr\u00f6\u00dferen Regionen zu \u00fcbernehmen und das entstandene Vakuum mit eigenen staatlichen Strukturen zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr so hat das bisher auch funktioniert, und es ist eine letztlich nebens\u00e4chliche Frage, ob die Theorie hier nur den Geschehnissen gefolgt ist oder ob dem Ganzen wirklich eine so weitreichende Strategie zugrunde lag. Der vielleicht irritierendste Umstand an dem Siegeszug des Isis ist die Passivit\u00e4t, mit der alle seine Gegner ihm bisher zugesehen haben. Ungehindert konnten sich die Fahrzeugkolonnen der Islamisten in ihrem \u00fcber weite Teile flachen und aus der Luft sehr \u00fcbersichtlichen \u00bbKalifat\u00ab bewegen und zu Angriffen formieren. W\u00e4hrend der US-amerika\u00adnische Pr\u00e4sident Barack Obama den eher kontraproduktiven Drohnenkrieg gegen Jihadisten im Jemen und in Somalia stark ausgeweitet hat, breiteten sich die Islamisten in Syrien und im Irak seit dem R\u00fcckzug der USA 2011 wie unter einem Schutzschirm aus. Erst mit dem drohenden Genozid an Tausenden Yeziden, die in einem Gebirge ohne Versorgung ausharren, dem Massenexodus der assyrischen Christen und schlie\u00dflich dem drohenden Vormarsch in Richtung der kurdischen Metropole Erbil und damit in die semiautonome nordirakische Kurdenregion kommt es nun zu z\u00f6gerlichen Reaktionen der US-Armee. Einzelne Luftangriffe auf vorgeschobene Stellungen der Islamisten, einige Abw\u00fcrfe von Hilfs\u00adlieferungen und die Rettung eines Teils der eingekesselten Yeziden halten den weiteren Vormarsch des Isis an anderen Stellen nicht auf.<\/p>\n<p>Auch die Ank\u00fcndigung der US-Regierung, Kalaschnikows und Munition an die kurdischen Streitkr\u00e4fte zu liefern, ist irritierend: Das sind kaum die Sorten von Waffen, an denen es den Kurden mangelt. Sie treten zudem K\u00e4mpfern des Isis entgegen, die sich mit dem von den USA gelieferten und von der irakischen Armee zur\u00fcckgelassenen schweren Ger\u00e4t aus Mossul ausger\u00fcstet haben.<\/p>\n<p>Ein Ergebnis von Obamas fahrl\u00e4ssiger Syrien-Politik ist, dass ein auf den Irak beschr\u00e4nktes Vorgehen gegen den Isis angesichts des grenz\u00fcberschreitenden \u00bbKalifats\u00ab und der dominanten Stellung, die es mittlerweile im gesamten Osten Syriens innehat, wenig Sinn ergibt. Die Nahost-Politik der US-Regierung ist angesichts der Miniintervention, zu der sich Obama nun im Nordirak gezwungen sieht, in eine Sackgasse geraten.<\/p>\n<p><b>Mit der erbeuteten Ausr\u00fcstung und den befl\u00fcgelnden Erfolgen<\/b> haben die K\u00e4mpfer des Isis nach dem Vormarsch im Irak quasi nebenbei die Reste der Freien Syrischen Armee und konkurrierende Islamistengruppen aus dem Euphrattal vertrieben. Nachdem es einer breiten Koalition der syrischen Rebellen Anfang des Jahres in verlustreichen Gefechten gelungen war, Isis im Norden Syriens zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, ist nun die Frage, wann die Hardcore-Islamisten wieder gen Aleppo vorsto\u00dfen. K\u00fcrzlich kam es auch zu ersten heftigen Angriffen des Isis auf syrische Regierungstruppen, die bis in den Fr\u00fchsommer de facto bestehende Kooperation zwischen dem Regime Bashar al-Assads und den Jihadisten d\u00fcrfte nun langsam zu ihrem Ende kommen. Die ungew\u00f6hnliche \u00adAllianz beruhte auf wechselseitigem Nutzen: Solange der Isis damit besch\u00e4ftigt war, die syrischen Rebellengruppen zu dezimieren, ignorierten die Flugzeuge Assads seine St\u00fctzpunkte geflissentlich. Der so offen propagierte islamistische Wahn des Isis war \u00fcberdies die beste Werbung f\u00fcr das Regime Assads. Angesichts dieser Mordtruppen und ihrer globalen Terrorambi\u00adtionen sind die so oft versprochenen und nie eingetroffenen westlichen Waffenlieferungen an die Rebellen\u00a0\u2013 vor allem Flugabwehrraketen\u00a0\u2013 v\u00f6llig illusorisch geworden. Assad hat vom Isis erheblich profitiert. Was nun passieren wird, wenn seine ausgelaugten Soldaten nicht mehr schlecht ausger\u00fcsteten, zerstrittenen Rebellengruppen gegen\u00fcberstehen, sondern den internationalen Glaubensk\u00e4mpfern des Isis, ist eine andere Frage. Aber auch hier kann Assad mittlerweile darauf hoffen, dass eine westliche Intervention im Irak sein \u00dcberleben nur verl\u00e4ngern wird.<\/p>\n<p>Die Interessenslage der T\u00fcrkei ist schwieriger zu beurteilen. Ohne die t\u00fcrkische Duldung des Grenzverkehrs der Islamisten w\u00e4re der Nachschub an Freiwilligen f\u00fcr den Heiligen Krieg schwierig geworden. Auch Recep Tayyip Erdo\u011fans Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf d\u00fcrfte f\u00fcr die derzeitige Zur\u00fcckhaltung der t\u00fcrkischen Regierung eine wichtige Rolle gespielt haben. Seit dem Sturm auf Mossul und der Geiselnahme des Personals des gesamten dortigen t\u00fcrkischen Konsulats durch den Isis stecken Erdo\u011fan und sein Au\u00dfenminister Ahmet Davuto\u011flu, der offenbar ein Evakuierungsersuchen seines Konsuls zuvor abgelehnt hatte, in einer schwierigen Lage. Erdo\u011fan hat dieses Problem in bezeichnender Weise gel\u00f6st, indem er der t\u00fcrkischen Presse einfach untersagte, weiter \u00fcber die t\u00fcrkischen Geiseln zu berichten. Der Isis kann sich mit seinem Faustpfand jedenfalls ein weiteres St\u00fcck t\u00fcrkisches Wohlwollen erpressen, zumal auch seine Angriffe auf die von der \u2013 der PKK nahestehenden \u2013 PYD kontrollierten syrischen Gebiete f\u00fcr die t\u00fcrkische Regierung von Interesse sind.<\/p>\n<p><b>Der Rest der umliegenden Staaten hat einfach Angst.<\/b> In ihren Videos verk\u00fcnden die Isis-K\u00e4mpfer gerne, sie seien demn\u00e4chst im Libanon, Jordanien und Saudi-Arabien zu finden. Jordanien hat seit dem Auftauchen von Isis-Jeeps an der Grenze zum Irak seine Armee mobilisiert, Saudi-Arabien hat dem Vernehmen nach \u00e4gyptische und pakistanische Sondereinheiten zum Grenzschutz eingekauft. Ganz sicher kann sich das K\u00f6nigshaus nicht sein, wie sich seine von wahhabitischen Traditionen geleiteten Soldaten im Falle einer Konfrontation mit Isis-K\u00e4mpfern verhalten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Der Erfolg des Isis versch\u00e4rft die ungel\u00f6sten Probleme des Nahen Ostens. Der Isis ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Eine weitere Frage wird sein, wie man mit den Massen von gewalt\u00adenthemmten M\u00e4nnern in Zukunft umgeht, die hier ihr Handwerk gelernt haben. Sie kommen aus Saudi-Arabien, der T\u00fcrkei, dem Maghreb, aber auch aus Europa und nicht zuletzt Deutschland. Diese M\u00e4nner begreifen den Kampf als Daseinsform. Das k\u00f6nnte man am ehesten mit dem Gewaltpotential in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg vergleichen, als sich \u00e4hnliche Gruppen entzivilisierter und hochideologisierter M\u00e4nner in den rechtsextremen Freikorps sammelten.<\/p>\n<p>erschienenen in der <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/33\/50399.html\"><em>Jungle World<\/em> 33\/14<\/a>:<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder dr\u00e4ngen sich um einen kleinen Eiswagen, sie bekommen heute kostenlos Eis. Auch ein junger Jihadist mit notorischem Zottelb\u00e4rtchen schleckt ein Schokoladeneis und l\u00e4sst mit den Kindern zwischendurch den \u00bbIslamischen Staat\u00ab hochleben. Es sind im \u00dcbrigen nur Jungen, die hier im syrischen Raqqa vom S\u00fc\u00dfigkeitenonkel des \u00bbIslamischen Staats\u00ab f\u00fcr ein Propagandavideo angelockt werden. 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