{"id":55,"date":"2015-02-24T12:47:03","date_gmt":"2015-02-24T11:47:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=55"},"modified":"2015-02-24T12:47:14","modified_gmt":"2015-02-24T11:47:14","slug":"der-westen-ist-nicht-am-is-terror-schuld-ein-essay","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=55","title":{"rendered":"Der Westen ist nicht am IS-Terror schuld. Ein Essay."},"content":{"rendered":"<h3><span class=\"hcf-headline\"><a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/terrorgruppe-im-irak-und-syrien-der-westen-ist-nicht-am-is-terror-schuld\/10310336.html\">Erschienen im <em>Tagesspiegel<\/em><\/a>: <\/span><strong>Wie konnte es zum Erstarken der Terroristen des \u201eIslamischen Staates\u201c kommen? Es ist eine M\u00e4r, dass die Spannungen im Irak vor allem ein Produkt westlicher Interventionen sind. Ein Essay. <\/strong><\/h3>\n<p>Mit einem Bulldozer kann man auch eine Zeitreise 1000 Jahre zur\u00fcck unternehmen, werden sich die medienaffinen Dschihadisten der Terrorguppe <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/terrororganisation-is-wie-stark-ist-das-heer-der-is-kaempfer\/10253514-2.html\" target=\"_blank\">\u201e<\/a>Islamischer Staat\u201c (IS) gedacht haben, als sie eine Schneise in einen Erdwall an der syrisch-irakischen Grenze graben lie\u00dfen. Dann fuhren sie mit frisch erbeuten Humvee-Fahrzeugen hindurch und machten eine Fotostrecke aus dem vorgeblichen Niederwalzen der Sykes-Picot-Grenze. Dem Ende der noch aus kolonialen Zeiten stammenden nationalstaatlichen Grenze, so die Botschaft, w\u00fcrde nun das potentiell grenzenlose Kalifat der Rechtgl\u00e4ubigen folgen.<\/p>\n<p>Das war sicher ein origineller Beitrag zu den Feierlichkeiten anl\u00e4sslich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, auch wenn man bei IS nicht die Zeit gefunden hat, einmal genauer in Geschichtsb\u00fcchern nachzuschauen: Das urspr\u00fcngliche franz\u00f6sisch-britische Abkommen von 1916 legte eine Trennlinie zwischen den k\u00fcnftigen Einflusssph\u00e4ren fest, die auf einer Landkarte mit einem Lineal vom \u201eA\u201c in Akko bis zum \u201eK\u201c in Kirkuk gezogen wurde. So w\u00e4re der heutige Nordirak mit Mossul genauso wie Teile der S\u00fcdt\u00fcrkei Frankreich zugeschlagen worden. Dass die Grenzen dann doch anders gezogen wurden, hatte mit der Rivalit\u00e4t zwischen Gro\u00dfbritannien und Frankreich, den schwierigen Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg und nicht zuletzt dem Umstand zu tun, dass die Briten den S\u00f6hnen des Scherifen von Mekka im Gegenzug f\u00fcr ihren Aufstand gegen das Osmanische Reich politische Versprechungen gemacht hatten.<\/p>\n<p>Was aber heutzutage die IS-Extremisten, altgediente Antiimperialisten und viele Nahost-Kommentatoren eint, ist die Vorstellung, die nun bald 100 Jahre alten Staatsgrenzen im Nahen Osten seien nichts anderes als perfide koloniale Konstrukte und ganz besonders \u201ek\u00fcnstlich\u201c. Als ob das Grenzen nicht im Allgemeinen w\u00e4ren. Dem schlie\u00dft sich dann in der Regel die Behauptung an, die Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg seien schuld an der ganzen Malaise des heutigen Nahen Ostens \u2013 und George W. Bushs \u201eWar on Terror\u201c nat\u00fcrlich. Schon als Saddam Hussein 1990 Kuwait \u00fcberfiel, zeigte man nicht zuletzt in Europa viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die pseudohistorische Begr\u00fcndung des Eroberungszuges: Kuwait sei eigentlich immer eine Provinz des Irak gewesen und nur von den Briten dem Mutterland schn\u00f6de entrissen worden.<\/p>\n<h3>Jeder funktionierende moderne Staat ist nichts als ein Affront f\u00fcr die Gotteskrieger<\/h3>\n<p>Im Grunde orientieren sich die meisten Grenzen im Nahen Osten an den fr\u00fcheren Verwaltungsprovinzen des Osmanischen Reichs. Wo sie es nicht taten, wie etwa in \u201eTransjordanien\u201c, das zur Zeit der Grenzziehungen im Grunde nur aus staubigem Hinterland mit ein paar Kleinst\u00e4dten bestand, existiert heute l\u00e4ngst ein Staat, der gemeinhin sogar als Anker der Stabilit\u00e4t in der Region gilt. Kein Wunder, dass IS mit seinen Pickups schon an der irakisch-jordanischen Grenze auf und ab f\u00e4hrt \u2013 jeder funktionierende moderne Staat ist nichts als ein Affront f\u00fcr die Gotteskrieger, die vom Kalifat tr\u00e4umen. Die unz\u00e4hligen Probleme des Nahens Ostens liegen aber kaum in diesen \u201ek\u00fcnstlichen\u201c Grenzen begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Da w\u00e4ren zu viele andere Gr\u00fcnde zu nennen. So scheitern seit 100 Jahren alle Versuche kl\u00e4glich, ehemalige Untertanen des Osmanischen Reiches, die immer zugleich Mitglied eines Stammes, Clans und einer religi\u00f6sen Gruppe waren, die sie kontrollierten, aber auch sch\u00fctzten, in B\u00fcrger moderner Nationalstaaten zu verwandeln. Die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gruppe, ob sie nun ethnisch oder konfessionell bestimmt war, blieb dominanter Teil der Identit\u00e4t. Wer in Bagdad oder Damaskus die Macht innehatte, war immer prim\u00e4r Vertreter seiner Gruppe, die es zu versorgen und bei Laune zu halten galt. Schon der erste K\u00f6nig des Irak, der von den Briten eingesetzte Faisal, wurde von den Sunniten als einer der ihren begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p class=\"hcf-subpage-titles\"><strong>Der Islamismus ist ein Mittel, um dem Ruf nach Freiheit zu unterdr\u00fccken<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/terrorgruppe-im-irak-und-syrien-der-konflikt-zwischen-sunniten-und-schiiten-begann-nicht-erst-2003\/10310336-2.html\">Hier weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n<p class=\"hcf-clear\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im Tagesspiegel: Wie konnte es zum Erstarken der Terroristen des \u201eIslamischen Staates\u201c kommen? Es ist eine M\u00e4r, dass die Spannungen im Irak vor allem ein Produkt westlicher Interventionen sind. Ein Essay. 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