{"id":284,"date":"2017-11-24T20:56:17","date_gmt":"2017-11-24T19:56:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=284"},"modified":"2019-01-15T13:16:18","modified_gmt":"2019-01-15T12:16:18","slug":"ueberraschung-vom-kronprinzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=284","title":{"rendered":"\u00dcberraschung vom Kronprinzen"},"content":{"rendered":"<p>Der Nahe Osten ist einmal mehr in einem Zustand angelangt, der vor einigen Jahren noch als v\u00f6llig undenkbar bezeichnet worden w\u00e4re. Entwicklungen in Zusammenhang mit Saudi-Arabien l\u00f6sen nun R\u00e4tselraten und Verbl\u00fcffung aus. Da ist der \u00fcberraschende Besuch des libanesischen Ministerpr\u00e4sidenten Saad Hariri in Riad, der dort am 4. November seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rte, was selbst seine eigenen, nicht mitgereisten Berater irritierte. Aus schiitischen Kreisen war umgehend die Mutma\u00dfung zu vernehmen, Hariri werde in Saudi-Arabien festgehalten. Der deutsche Au\u00dfenminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte in Gegenwart seines libanesischen Amtskollegen, Hariri solle ausreisen d\u00fcrfen, und kritisierte \u00bbpolitisches Abenteurertum\u00ab.<\/p>\n<p>Nun erinnerte Hariris Empfang durch den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron ein paar Tage sp\u00e4ter in Paris wirklich ein bisschen an den Auftritt einer freigelassenen Geisel, aber Gabriels undiplomatische \u00c4u\u00dferung an der Seite der Parteig\u00e4nger des Iran f\u00fchrte zu einem Debakel deutscher Au\u00dfenpolitik. So rief die saudische Regierung mit einer Zornesgeste ihren Botschafter aus Berlin zur\u00fcck und der vielleicht zur\u00fcckgetretene Hariri\u00a0\u2013 so genau ist das nicht klar\u00a0\u2013 wandte sich auf dem Weg zum Flugzeug nach Frankreich per Twitter an Gabriel: Es sei eine L\u00fcge, dass er Saudi-Arabien nicht habe verlassen d\u00fcrfen. Selbst wenn ein gewisser Zwang ausge\u00fcbt worden sein mag, eine \u00f6ffentliche Br\u00fcskierung der Saudis konnte der libanesische Politiker, der zugleich saudischer Staatsb\u00fcrger ist und das Land als sunnitische Schutzmacht hinter sich wei\u00df, sich nicht leisten.<\/p>\n<p>Dass Gabriel so umstandslos bereit war, die Saudis zu br\u00fcskieren, passt zu den verbreiteten Vorbehalten gegen diesen Staat. In Deutschland bestimmen Meinungsmacher wie der Bestsellerautor Michael L\u00fcders das Bild, die so gut wie alles B\u00f6se in der Region rund um Riad verorten, w\u00e4hrend man dem saudischen Rivalen Iran gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferst freundlich und nachsichtig gestimmt ist (siehe Interview Seite 17). \u00dcber Jahrzehnte war das Klischee Saudi-Arabiens der seinen \u00d6lreichtum verprassende \u00bbScheich\u00ab; sp\u00e4testens seit den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 ist das Bild des sunnitischen Gotteskriegers an diese Stelle getreten, der von ebenjenen Scheichs finanziert wird. Es d\u00fcrfte in der Tat schwer fallen, selbst unter sunnitischen Arabern Stimmen zu finden, die spontan ihre Sympathien f\u00fcr dieses fr\u00fcher so abstrus reiche Land auf der arabischen Halbinsel erkl\u00e4ren w\u00fcrden. Das Bild eines so \u00bbmittelalterlichen\u00ab wie religi\u00f6s fanatisierten Landes mit unertr\u00e4glicher Doppelmoral wird allerdings der komplexen saudischen Geschichte und Gegenwart nicht ganz gerecht. Mit dem \u00d6lpreisschock der siebziger Jahre wurde ein Saudi-Arabien in die Moderne katapultiert, dessen beduinisch gepr\u00e4gte Gesellschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch so lebte wie in den 1 000 Jahren zuvor.<\/p>\n<p>Als Regionalmacht haben die Saudis im eigenen Verst\u00e4ndnis einen Todfeind, die \u00bbIslamische Republik\u00ab Iran. Die vom Iran gesteuerte schiitische Offensive bringt sie in \u00e4u\u00dferste Bedr\u00e4ngnis; der Irak wird vom Iran aus mitregiert, der Libanon ebenfalls und der syrische Diktator Bashar al-Assad w\u00e4re ohne die iranische Unterst\u00fctzung vermutlich 2012 gest\u00fcrzt worden. Dass die Saudis nicht einfach zusehen werden, wie man den Iran letztlich unter beif\u00e4lligem Nicken der EU und der USA zur bestimmenden Macht im arabischen Nahen Osten werden l\u00e4sst, h\u00e4tte klar sein k\u00f6nnen. Das \u00dcberleben Assads im Interesse des Iran und Russlands ist keine Vorstufe zur Befriedung der Region, sondern der Ausgangspunkt noch diffuserer K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Hier kommt der 32j\u00e4hrige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ins Spiel. Die Saudis haben pl\u00f6tzlich so etwas wie einen politischen Popstar, w\u00e4hrend sein Vater noch ganz dem Bild der saudischen Gerontokratie entspricht. Politisch hat bin Salman bisher wenig gl\u00fccklich agiert, als Kriegsminister hat er die saudische Intervention im Jemen seit 2015 zu verantworten. Der verheerende Luftkrieg gegen die vom Iran unterst\u00fctzen Houthis hat vor allem zu einer Verschlimmerung der humanit\u00e4ren Situation im Jemen gef\u00fchrt, dem n\u00e4chsten Katastrophengebiet der Region. Millionen Menschen droht dort der Hungertod, die Choleraepidemie breitet sich weiter aus. Milit\u00e4risch herrscht l\u00e4ngst eine Pattsituation. Anfang November haben die Houthis eine aus dem Iran stammende Langstreckenrakete auf Riad abgeschossen, die gerade noch abgefangen werden konnte.<\/p>\n<p>In einer \u00f6ffentlichen Diskussion bezog sich der saudische Kronprinz k\u00fcrzlich auf das Jahr 1979 und die R\u00fcckkehr zu einem toleranten Islam, wie er vorher f\u00fcr das Land pr\u00e4gend gewesen sei. In diesem f\u00fcr die Entwicklung des politischen Islam entscheidenden Jahr fanden nicht nur der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan statt und die Revolution im Iran; auch der moderne Jihadismus trat mit der Besetzung der Gro\u00dfen Moschee in Mekka ins Rampenlicht\u00a0\u2013 ein Angriff, der auch gegen das saudische K\u00f6nigreich gerichtet war und vermutlich ma\u00dfgeblich zu der verh\u00e4ngnisvollen Allianz zwischen \u00d6lgeld und weltweiter salafistischer beziehungsweise wahhabitischer Mission gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Mit bin Salman scheint nun in Saudi-Arabien einiges anders zu werden. Frauen d\u00fcrfen demn\u00e4chst Auto fahren, ein \u00bbVision 2030\u00ab genanntes Entwicklungsprogramm verspricht den vollst\u00e4ndigen Umbau des Staats, w\u00e4hrend die \u00bbSaudi General Entertainment Authority\u00ab mit einer Comicmesse, Stand-up-Comedians und einer Schlumpfshow schon mal f\u00fcr Stimmung sorgt. Die Popdiva Balqees, die auch Sonderbotschafterin der UN f\u00fcr Geschlechtergleichheit ist, tritt f\u00fcr ein weibliches Publikum auf und ein Werbefilm der staatlichen Eventagentur zeigt Szenen begeisterter weiblicher Konzertbesucherinnen. Nach saudischen Ma\u00dfst\u00e4ben ist das revolution\u00e4r; mit Demokratisierung hat das allerdings nichts zu tun, kein Oppositioneller ist bislang aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen worden.<\/p>\n<p>Auch die politischen Vorg\u00e4nge der vergangenen Wochen waren umw\u00e4lzend. Nach der Verhaftung zahlreicher, auch prominenter Prediger wurden hochrangige Angeh\u00f6rige des K\u00f6nigshauses, ehemalige Regierungsmitglieder und saudische Oligarchen wie der Chef der Firma Bin Laden in zwei Luxushotels unter dem Vorwurf der Korruption interniert. Es ist nicht ganz klar, ob es dabei eher um die Absicherung der Machtbasis bin Salmans oder um Finanzielles geht. Es sollen jedenfalls Hunderte Milliarden US-Dollar f\u00fcr den saudischen Staatshaushalt herausspringen, wenn die Festgesetzten Teile ihrer Firmen \u00fcberschreiben. Nat\u00fcrlich gab es Witze dar\u00fcber, dass die \u00bbVerhafteten\u00ab so luxuri\u00f6s untergebracht wurden, nun sind jedoch Ger\u00fcchte aufgetaucht, einige der Betroffenen seien dort gefoltert worden, darunter ein K\u00f6nigssohn und ehemaliger Anw\u00e4rter auf das Kronprinzenamt.<\/p>\n<p>Auch wenn das kaum glaubhaft ist, ist es zumindest ein Hinweis auf bisher unerh\u00f6rte Begebenheiten. Dazu geh\u00f6rt auch der Empfang des maronitischen Patriarchen aus dem Libanon in Riad. Die offiziellen Fotos zeigen wohl kaum zuf\u00e4llig den K\u00f6nig im Gespr\u00e4ch mit dem Kirchenmann, der ein gro\u00dfes Kreuz an einer Halskette tr\u00e4gt. Anwesend war auch der saudische Au\u00dfenminster Adel al-Jubeir, der ebenfalls seit 2015 im Amt ist und mit bartlosem Gesicht und feinem britischen Akzent beharrlich vor dem Iran warnt.<br \/>\nWohin all das f\u00fchren wird, ist ungewiss, niemand wei\u00df sicher, wie die saudische Gesellschaft reagiert, wenn die starke sozial Kontrolle etwas gelockert wird. Die Jugend ist vorerst begeistert, dabei sind die wahhabitischen Hardliner keineswegs verschwunden, nur derzeit mundtot gemacht. Im Inneren steht Saudi-Arabien \u00f6konomisch und demographisch unter Reformdruck. Was derzeit passiert, ist eine Folge des so gerne totgesagten \u00bbarabischen Fr\u00fchlings\u00ab.<\/p>\n<p>Wenn es um die Schiiten und den Iran geht, reagiert Saudi-Arabien hingegen unerbittlich. Das hat das quasi milit\u00e4rische Vorgehen gegen die schiitische Minderheit im Osten des Landes im Fr\u00fchjahr gezeigt. Au\u00dfenpolitisch ist die Strategie gegen das iranische Vordringen so dubios wie das Hin und Her um Hariri. Die schiitische Miliz Hizbollah jedenfalls w\u00fcrde eher davon profitieren, wenn es im Libanon erneut keine Regierung g\u00e4be. Milit\u00e4risch kann Saudi-Arabien dort nicht vorgehen; dass die israelische Armee diese Aufgabe \u00fcbernehmen soll, ist nicht plausibel. Das K\u00f6nigreich k\u00f6nnte den Libanon \u00f6konomisch destabilisieren, aber mit welchem Ziel? Die Isolation Katars hat vor allem dazu gef\u00fchrt, das Emirat in Richtung Iran zu treiben, aber bisher keine Zugest\u00e4ndnisse erwirkt. Im Jemen w\u00fcrde eine milit\u00e4rische L\u00f6sung Kapazit\u00e4ten erfordern, die Saudi-Arabien nicht hat. Und in Syrien haben die Saudis praktisch keinen bewaffneten Ansprechpartner mehr. Es bleibt Israel als Verb\u00fcndeter, mit dem man die Besorgnis \u00fcber den Iran teilt. Wom\u00f6glich bereitet bin Salman auch hier eine Sensation vor, Ger\u00fcchte \u00fcber ein Abkommen machen bereits die Runde. Der Nahe Osten ist in einem Zustand angelangt, in dem man nichts mehr v\u00f6llig ausschlie\u00dfen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Erschienen in der<a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/47\/ueberraschung-vom-kronprinzen\"><em> Jungle World<\/em> 47\/17<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nahe Osten ist einmal mehr in einem Zustand angelangt, der vor einigen Jahren noch als v\u00f6llig undenkbar bezeichnet worden w\u00e4re. Entwicklungen in Zusammenhang mit Saudi-Arabien l\u00f6sen nun R\u00e4tselraten und Verbl\u00fcffung aus. Da ist der \u00fcberraschende Besuch des libanesischen Ministerpr\u00e4sidenten Saad Hariri in Riad, der dort am 4. 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