{"id":222,"date":"2016-08-19T11:37:22","date_gmt":"2016-08-19T09:37:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=222"},"modified":"2017-01-27T11:18:49","modified_gmt":"2017-01-27T10:18:49","slug":"mann-frai-islam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=222","title":{"rendered":"Mann, Frau, Islam"},"content":{"rendered":"<div class=\"body\">\n<p>Wiesbaden hat ein eher verstaubtes Image als ehemalige Kurstadt, in der Beamte und Rentner den Ton angeben. Doch als Kommune des Rhein-Main-Gebiets hat die hessische Landeshauptstadt bereits seit Jahrzehnten einen vergleichsweise hohen Migrantenanteil. Eine \u00bbT\u00fcrkenstra\u00dfe\u00ab gab es hier schon in den siebziger Jahren und mit dem Abschluss einer Integrationsvereinbarung zwischen der Stadt und den muslimischen Gemeinden hat Wiesbaden vor ein paar Jahren sogar kommunalpolitisch etwas Neues probiert. Die im nahen Frankfurt lehrende Ethnologin Susanne Schr\u00f6ter, die an der Goethe-Universit\u00e4t das Forschungszentrum \u00bbGlobaler Islam\u00ab leitet und es zu einer Art Think Tank zu Fragen der Integration von Muslimen ausbaut, hat drei Jahre lang Moscheen in Wiesbaden besucht und dort mit den Gl\u00e4ubigen Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Mit der ethnologischen Methode der \u00bbdichten Beschreibung\u00ab\u00a0\u2013 einer Wiedergabe zentraler Gespr\u00e4chsinhalte und der genauen Beschreibung der Gespr\u00e4chssituation und der R\u00e4umlichkeiten \u2013 sucht sie in ihrem im Campus-Verlag erschienenen Buch \u00bbGott n\u00e4her als der eigenen Halsschlagader\u00ab Einblicke in das Milieu sich selbst als \u00bbfromm\u00ab definierender Muslime zu gewinnen. Dabei sind es vor allem die Gespr\u00e4che mit Musliminnen, die im Vordergrund stehen und auch das interessanteste Material liefern. Schr\u00f6ter wendet sich damit einer Bev\u00f6lkerungsgruppe zu, \u00fcber deren Sicht auf das Leben und auf ihre Religion vergleichsweise wenig bekannt ist. Es geht nur am Rande um die medienwirksamen salafistischen Eiferer mit ihren Zottelb\u00e4rten, die sich kaum zuf\u00e4llig Schr\u00f6ters Kommunikationsversuchen beharrlich widersetzt haben. Die Frank\u00adfurter Ethnologin hat eher mit unauff\u00e4lligen, durchschnittlichen, sich selbst aber ausdr\u00fccklich als religi\u00f6s definierenden Muslimen und Musliminnen gesprochen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ihrer Befragungen ist mehr als zwiesp\u00e4ltig, geht es doch vor allem immer um die Geschlechtertrennung und ihre alltagspraktischen Konsequenzen: von der \u00bbkorrekten\u00ab islamischen Kleidung bis zum Umgang der Ehepartner miteinander. Laut Schr\u00f6ter beantworten gl\u00e4ubige Musliminnen in Deutschland die Frage nach einem kontroversen Koranvers zum ehelichen Umgang gerne mit der Auslegung, dort sei nicht das \u00bbwirkliche Schlagen\u00ab von Ehefrauen durch ihre M\u00e4nner gemeint, sondern es gehe vielmehr um ein Schlagen \u00bbwie bei einem Kind, wenn es die ganze Zeit ruml\u00e4uft und nicht zuh\u00f6rt\u00ab. Nahezu manisch zentrieren sich die Diskussionen immer wieder um die Bedeutung des Kopftuchs, das nicht zuletzt wichtig ist, um in vielen Moscheegemeinden und im religi\u00f6sen Milieu \u00fcberhaupt akzeptiert zu werden, wie die Frauen deutlich machen. Daneben sind die Frauen beharrlich bem\u00fcht, ihrer Gespr\u00e4chspartnerin zu erkl\u00e4ren, warum der Islam f\u00fcr Frauen positiv ist. Frauen seien im Islam \u00bbPerlen\u00ab, die man eben mit einer Muschelschale sch\u00fctzen und beh\u00fcten m\u00fcsse, hei\u00dft es dann; das andere gerne angef\u00fchrte Bild ist das der Frau als \u00bbBlume\u00ab.<\/p>\n<p>Einige Klischees werden bei diesem genauen Zuh\u00f6ren widerlegt, es wird deutlich, dass die Hinwendung zur einer intensiven Religiosit\u00e4t von vielen Frauen als eigene Entscheidung angesehen wird. Nicht selten sind die Frauen erst im mittleren Alter religi\u00f6ser geworden, oft nach der Geburt der Kinder. Mitunter kann diese neue Religiosit\u00e4t auch im direkten Widerspruch zu den W\u00fcnschen der Ehem\u00e4nner stehen, gerade wenn es um das Tragen von Kopft\u00fcchern geht. Ebenso werden Praktiken wie die Vetternehe und arrangierte Heiraten von den Frauen verteidigt. Dabei offenbart sich eine Welt voller Widerspr\u00fcche, vor allem wenn es um j\u00fcngere Frauen mit h\u00f6herem Bildungsabschluss geht. Einerseits legitimieren die Angeh\u00f6rigen dieser Gruppe besonders beredt eine religi\u00f6s begr\u00fcndete Geschlechtertrennung, f\u00fcrchten aber andererseits um die eigenen Ausbildungs- und Berufschancen, sollten sie an einen \u00bbfalschen\u00ab Ehemann geraten. Die Wahrscheinlichkeit, dann weder ein Studium vollenden zu k\u00f6nnen noch einen Beruf ergreifen zu d\u00fcrfen, ist in diesem Milieu sehr hoch, zumal wenn die Ehem\u00e4nner aus den Ursprungsregionen der Familie importiert werden. Insgesamt konstatieren sowohl Schr\u00f6ter wie ihre Gespr\u00e4chspartner eine wachsende Religiosit\u00e4t der j\u00fcngeren Generation von Muslimen. Mitunter sind es die T\u00f6chter, die beginnen, f\u00fcr die Einhaltung religi\u00f6ser Regeln in der Familie zu \u00adsorgen.<\/p>\n<p>Schr\u00f6ters materialreiches Buch f\u00fchrt dem Leser ein grunds\u00e4tzliches Dilemma aller Integrationsbem\u00fchungen vor Augen, das einen gro\u00dfen Teil intensiv gl\u00e4ubiger Muslime betrifft: Dem Leben in \u00adeiner mehr oder minder bewusst s\u00e4kularen westlichen Gesellschaft mit dem Ideal der Geschlechtergleichheit steht eine Auffassung des Islam entgegen, die die Geschlechter deutlich voneinander abgegrenzt wissen will. Solange f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gruppen von Muslimen Vorstellungen von Geschlechtertrennung als unhinterfragbarer Bezugspunkt dienen, wird es mit der Rolle des Islam\u00a0\u2013 wobei hier ausschlie\u00dflich interessiert, was Gl\u00e4ubige faktisch darunter verstehen\u00a0\u2013 in westlichen Gesellschaften gro\u00dfe Schwierigkeiten geben, ganz gleich, wie weit man den Begriff der \u00bbIntegration\u00ab auch immer fassen mag. Mit ihrer empathischen Gespr\u00e4chsf\u00fchrung gelingt es der Wissenschaftlerin, aufzuzeigen, wie stark sich die befragten Musliminnen im Berufsleben unter Druck \u00adgesetzt f\u00fchlen, auf eine islamische Kopfbedeckung zu verzichten.<\/p>\n<p>Aber auch hier wird jenseits der Frage nach der Toleranz oder Intoleranz der deutschen Gesellschaft die Unm\u00f6glichkeit erwiesen, bestimmte religi\u00f6s begr\u00fcndete Vorstellungen wie die strikte Trennung der Geschlechter in der \u00d6ffentlichkeit mit dem Leben in einer s\u00e4kularen Gesellschaft zu vereinbaren. Etwa wenn der Wunsch nach dem Kopftuch letztlich auf Geschlechterapartheid zielt. Eine Gespr\u00e4chspartnerin gibt auf Nachfrage zu, dass sie es eigentlich ablehnt, mit m\u00e4nnlichen Kollegen zusammenzuarbeiten, dies aber notgedrungen akzeptiert. Ein weiterer Konfliktbereich ist das Verh\u00e4ltnis zu Nichtmuslimen. Auf v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis trifft die Wissenschaftlerin bei einem Vater, den sie fragt, ob er sich einen deutschen oder nichtmuslimischen Schwiegersohn vorstellen k\u00f6nne. Die Frage alleine wird als absurd und damit rein provokativ wahrgenommen. Oftmals wird sogar die Vorstellung, dass ein Angeh\u00f6riger einen muslimischen Partner aus einem anderen Land w\u00e4hlt und in die Familie einbringt, als ungeh\u00f6rig angesehen.<\/p>\n<p>Susanne Schr\u00f6ter hat ihr Buch mit viel Anteilnahme und Offenheit geschrieben. Und sie bem\u00fcht sich in dem kurzen, die Diskussionen um den Islam zusammenfassenden Einleitungskapitel wie in dem abschlie\u00dfenden Betrachtungen zur Integrationspolitik am Beispiel Wiesbadens sehr deutlich um Sachlichkeit. Ihre Sympathien liegen bei den befragten jungen Frauen, die versuchen, mit ihrem Glauben, ihren Unsicherheiten und trotz famili\u00e4rer wie kulturbedingter B\u00fcrden ihren Weg in einer tendenziell ablehnend empfunden Umwelt zu finden. Zu den Vorz\u00fcgen des Buches geh\u00f6rt es, dass Schr\u00f6ter sich in keine politisierende Kunstsprache fl\u00fcchtet und Konflikte nicht verschweigt, sondern diese pr\u00e4zise beschreibt. Ihr Buch ist auch ein Sieg der Realit\u00e4t \u00fcber die oft zu beobachtende Ideologielastigkeit postkolonialer Studien, eine Absage an kulturrelativistische Schw\u00e4rmerei und schematische Rassismusmodelle. Den so hippen Vorstellungen vom \u00bbFashion Islam\u00ab steht sie deutlich distanziert gegen\u00fcber. F\u00fcr ihre Gespr\u00e4chspartnerinnen und deren \u00adLebenswirklichkeit spielen solche vermeintlich progressiven Diskurse aus akademischen Sph\u00e4ren schlichtweg keine Rolle. Hier glaubt man dagegen noch in einem ganz basalen Sinn an religi\u00f6se Wahrheiten und Vorschriften.<\/p>\n<p>Es ist gerade diese Herangehensweise, die die Lekt\u00fcre des Buchs manchmal so niederschmetternd wirken l\u00e4sst. Die Autorin zeigt einerseits die Bem\u00fchungen der gl\u00e4ubigen Muslime, dazuzugeh\u00f6ren, macht aber andererseits den weiten Weg sichtbar, der bis zum Erreichen des Ziels noch zur\u00fcckgelegt werden muss. Etwa wenn es um die Vorstellungen von Jugendarbeit in den muslimischen Gemeinden geht. Da werden ein paar muslimische Pfadfinder von den deutschen Stellen als gro\u00dfe Hoffnung umworben, w\u00e4hrend die Gruppe bei strenggl\u00e4ubigen Muslimen Misstrauen erzeugt, ist man sich hier schlie\u00dflich immer noch nicht sicher, ob Musikh\u00f6ren nicht g\u00e4nzlich zu verdammen ist. Oder im Fall der Ahmadiyya-Gemeinde, die bereits in verschiedenen Gremien vertreten ist und eine beachtliche Medienpr\u00e4senz hat, allerdings in Fragen der Geschlechtertrennung nach innen kompromisslos ist, wie Schr\u00f6ter klar beschreibt. Sie selbst setzt die Hoffnung auf die Etablierung des Faches Islamische Theologie an deutschen Universit\u00e4ten und die kommenden Generationen in Deutschland nach wissenschaftlichen Standards ausgebildeter muslimischer Religionslehrer. Dass eine aus der politischen Linken kommende Professorin ihre Hoffnung in aufgekl\u00e4rte Theologie setzt, das ist wohl auch ein Zeichen der Zeit.<\/p>\n<p>Susanne Schr\u00f6ter: \u00bbGott n\u00e4her als der eigenen Halsschlagader\u00ab.<\/p>\n<p><i>Fromme Muslime in Deutschland. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2016, 402 Seiten, 34,99\u00a0Euro<\/i><\/p>\n<\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2016\/30\/54567.html\">Erschienen in der <em>Jungle World<\/em> 30\/16<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiesbaden hat ein eher verstaubtes Image als ehemalige Kurstadt, in der Beamte und Rentner den Ton angeben. Doch als Kommune des Rhein-Main-Gebiets hat die hessische Landeshauptstadt bereits seit Jahrzehnten einen vergleichsweise hohen Migrantenanteil. 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