{"id":180,"date":"2016-05-14T01:06:57","date_gmt":"2016-05-13T23:06:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=180"},"modified":"2017-03-07T09:42:00","modified_gmt":"2017-03-07T08:42:00","slug":"putin-richtig-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=180","title":{"rendered":"Putin richtig verstehen"},"content":{"rendered":"<div class=\"head\">\n<p class=\"intro\"><strong>Notorische Putin-Versteher werden es nicht gerne lesen. Ulrich Schmid und Michel Eltchaninoff greifen in ihren erhellenden B\u00fcchern \u00fcber den russischen Pr\u00e4sidenten auf eine lange untersch\u00e4tzte Methode zur\u00fcck: Ideologiekritik.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"body\">\n<p>Als Adolphe de Custine 1839 seine Reise\u00adeindr\u00fccke aus Russland zu Papier brachte, war die Perspektive deutlich: Russland galt dem franz\u00f6sischen Autor als Hort der Reaktion, es warte nur darauf, dass sich ein heillos zerstrittenes Europa ihm ausliefere. Besonders irritierte den Reisenden, wie in Russland die Begriffe wie Wahrheit und \u00d6ffentlichkeit ihren Sinn ver\u00e4ndern: \u00dcber eine Prahlerei zu lachen oder politischem Gr\u00f6\u00dfenwahn zu widersprechen, gelte als Attentat auf die Sicherheit des Staats. \u00bbHier hei\u00dft l\u00fcgen die Gesellschaft sch\u00e4tzen, wie die Wahrheit sagen gleichbedeutend ist mit: den Staat umst\u00fcrzen.\u00ab In seinem einflussreichen Reisebuch, das das negative westeurop\u00e4ische Bild vom autokratischen Zarenstaat mitpr\u00e4gte, beschrieb de Custine ein Russland, fernab am Rande des Kontinents gelegen, abschreckend und bedrohlich.<\/p>\n<p>Blickt man nun auf das R\u00e4tselraten in Westeuropa \u00fcber die Ziele und Absichten des russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin, dann wird klar, dass sich so viel daran auch nach \u00fcber 175 Jahren nicht ge\u00e4ndert hat; Putin verst\u00f6rt nachhaltig, vor allem sein ausgereiftes System der Propaganda und Mediennutzung. Sp\u00e4testens seit der russischen Milit\u00e4rintervention in Syrien und dem Einmarsch in die Ukraine ist zudem \u00fcberdeutlich geworden, dass diesen Pr\u00e4sidenten, der so gerne mit nacktem Oberk\u00f6rper den sibirischen Naturburschen spielt, ein fataler Hang zur Weltpolitik antreibt. Der imperiale Anspruch des Putinschen Russland mag \u00f6konomisch gesehen ein hoffnungsloser Fall von Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung sein, was jedoch konsequente Machtpolitik angeht, hat Putin seine westlichen Kollegen ein ums andere Mal \u00fcbert\u00f6lpelt und an die Wand gespielt \u2013 zuletzt mit der Ank\u00fcndigung eines russischen Teilabzugs aus Syrien.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, was Putin tats\u00e4chlich bewegt, liefern zwei j\u00fcngst erschienene B\u00fccher reichhaltiges Material und eine Erkl\u00e4rung jenseits des \u00fcblichen Herumstocherns im Nebel von mafi\u00f6sen oder geheimdienstlichen Verstrickungen und vagen biographischen Details. Michel Eltchaninoffs \u00bbIn Putins Kopf\u00ab kann man dabei fast als eine Kurzfassung von Ulrich Schmids \u00bbTechnologien der Seele\u00ab lesen, das ausgehend von Putins ideologischem Kosmos eine veritable Medien- und Kulturgeschichte des j\u00fcngeren Russland liefert.<\/p>\n<p>Eltchaninoffs beim Verlag Klett-Cotta erschienener Essay bietet etwas ganz aus der Mode Gekommenes: Ideologiekritik. Und die ist dringend notwendig. W\u00e4hrend n\u00e4mlich das Publikum au\u00dferhalb Russlands schon die im Grunde recht banalen Konstanten klassischer Machtpolitik kaum noch zu verstehen vermag, scheitert es erst recht an einem Verst\u00e4ndnis der dazugeh\u00f6rigen Ideologie; man geht ihr stattdessen auf den Leim. So wie Bundesau\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier, der, mit Putins Volten konfrontiert, immer so wirkt, als er h\u00e4tte er im Schulunterricht den Namen Bismarck verpasst.<\/p>\n<p>Die Entwicklung Putins, bei Eltchaninoff auf eine Reihe von zentralen Stationen reduziert, zeigt eine erschreckende Folgerichtigkeit: Am Beginn stand der scheinliberale Pr\u00e4sident, ein bislang Unbekannter, der sich schnell immer aggressiver geb\u00e4rdete, erst einen neuen Nationalismus kreierte, um dann ab 2008 mit dem Krieg in Georgien imperialistisch aufzutreten. Ideologische Kernphrasen der Putinschen Herrschaft waren dabei die \u00bbVertikale der Macht\u00ab oder, f\u00fcr die Annexion der Krim, Putin als \u00bbSammler der russischen Erde\u00ab. Wichtige Ingredienzien der Putinschen Ideologie stammen aus der Gedankenwelt des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts: Da sind vor allem die slawophilen Schriftsteller und Philosophen, die in Fronstellung zu den \u00bbWestlern\u00ab unter den russischen Intellektuellen die Einzigartigkeit des \u00bbslawischen Menschen\u00ab behaupteten, dem zusammen mit der orthodoxen Kirche eine Erl\u00f6serfunktion f\u00fcr die Menschheit zuk\u00e4me \u2013 Erl\u00f6sung auch und vor allem vom \u00bbwestlichen\u00ab Liberalismus und Individualismus.<\/p>\n<p>Putin bezieht sich auch gerne auf \u00bbEurasien\u00ab, die \u00d6ffnung Russlands nach Asien, eine Vorstellung, die unter eher nationalistischen russischen Intellektuellen in den zwanziger Jahren aufkam, als diese versuchten, den zumal im Westen negativ als \u00bbasiatisch\u00ab konnotierten Bolschewismus in russische Tradition einzuordnen. Das muss alles nicht immer zwangsl\u00e4ufig in allen Teilen zueinander passen \u2013 so bei\u00dft sich der von Putin gef\u00f6rderte, dezidiert orthodox-christlich konnotierte russische Nationalismus durchaus mit dem imperialen und daher auch multireligi\u00f6sen eurasischen Vorhaben, auf das Putin ebenso zur\u00fcckgreift. Aber hier geht es schlie\u00dflich um Ideologie, nicht um Logik. Putin bedient Sowjetnostalgie wie Zarenkitsch; es gibt nun wieder wie in der guten alten Zarenzeit \u00bbGarderegimenter\u00ab, aber auch Felix Dserschinski, der Gr\u00fcndervater des sowjetischen Geheimdienstes und Terrorapparates, kam 2014 als Namensgeber einer Truppe des Innenministeriums zu neuen Ehren.<\/p>\n<p>All das sind ideologische Versatzst\u00fccke, deren Vermischung vielleicht weniger auf die Postmoderne zur\u00fcckzuf\u00fchren ist als bereits auf die ideologisch so fruchtbaren fr\u00fchen Jahre des 20. Jahrhunderts. Der damaligen Wirrnis von rechten und linken Ideen und Weltentw\u00fcrfen entspricht es durchaus, wenn man nun unter Putins Lieblingsdenkern auch Carl Schmitt, dem ewig zwischen rechts und links pendelnden \u00bbNationalrevolution\u00e4r\u00ab Ernst Niekisch oder dem faschistischen Kulturphilosophen Julius Evola begegnet. Putin hat sich aus dem ideologischen Plunder des 20. Jahrhunderts munter bedient, und so sollte es nicht verwundern, dass er unter Anh\u00e4ngern des Front National ebenso seine Fans findet wie unter Ostermarschierern, AfD-W\u00e4hlern oder Anh\u00e4ngern der Linkspartei. Schlie\u00dflich kann Putin ja auch bei Matthias Platzeck auf ebenso viel Verst\u00e4ndnis und Empathie hoffen wie bei Horst Seehofer. Die Integrationskraft des Putinschen Ideologiegebr\u00e4us speziell f\u00fcr Deutsche w\u00e4re wohl noch eine eigene Untersuchung wert.<\/p>\n<p>Eltchaninoff fasst Putins Gedankenwelt in der Vorstellung einer Sowjetunion ohne Kommunismus zusammen, wobei zwei Prinzipien als besonders wichtig erscheinen: die Idee des Imperiums und die Apologie des Kriegs. So ger\u00fcstet macht sich der russische Pr\u00e4sident auf, zur F\u00fchrungsfigur eines antiliberalen Europa zu werden \u2013 jedenfalls in der fabelhaften Welt der Ideologien. Denn Eltchaninoffs Ideologiekritik findet ihre Grenzen im Genre der Ideologiekritik selbst: Angesichts der ganzen zusammengeschusterten imperialen Pl\u00e4ne und Verlautbarungen f\u00fcr Eurasien oder zur Weltrolle der russischen Zivilisation darf man nicht vergessen, dass Ideologien in einem materiellen Raum wirken. Irgendjemand m\u00fcsste die Verwirklichung all des glitzernden Worttands auch bezahlen k\u00f6nnen, doch Putins Russland ist vor allem eine Potemkinsche Fassade, materiell fu\u00dft das alles nur auf dem Rohstoffboom der Jahrtausendwende.<\/p>\n<p>Die hohe Kunst Putins besteht jedoch darin, wie er sein imperiales Projekt zwischen Pleite und nackter Erpressung verkauft; sehr erfolgreich nicht zuletzt in Europa. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Medienkan\u00e4le wie \u00bbRussia Today\u00ab oder \u00bbSputnik\u00ab, an deren Desinformationskakophonie ein Joseph Goebbels seine helle Freude gehabt h\u00e4tte. Wie diese \u00bbPolittechnologien\u00ab genau funktionieren, kann man nun in Ulrich Schmids bei Suhrkamp erschienener Studie \u00bbTechnologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur\u00ab nachlesen. Auch Schmid geht davon aus, Putins Ziel bestehe letztlich darin, Russland geopolitisch dieselbe tragende Rolle zu verschaffen wie dem Zarenreich und der Sowjetunion. Auf die verpasste \u2013 und verprasste \u2013 Modernisierung in den ersten Jahren seiner Herrschaft musste der Nationalismus und das imperiale Gehabe folgen.<\/p>\n<p>Schmid vermag anhand zahlreicher Miniaturexkurse zu russischen Medienprodukten und intellektuellen Lebensl\u00e4ufen aufzuzeigen, wie innovativ und zugleich altbacken Putin diesen Weg gegangen ist. In den Gesellschaften des \u00bbWestens\u00ab ist es kaum noch vorstellbar, wie Putin fast wie im Stil des 19.\u2009Jahrhunderts Intellektuelle und K\u00fcnstler zur Schaffung eines ideologischen Kosmos anh\u00e4lt, dessen Bestandteile zwar aus Rumpelkammern geholt sein m\u00f6gen, die aber auf der H\u00f6he der Zeit kommuniziert werden. Schriftsteller \u2013 nota bene Sciene-Fiction-Autoren \u2013 sind daran beteiligt, Regisseure, K\u00fcnstler und neuerdings auch Videospielemacher. Schr\u00e4ge Figuren wie der auch in Europa zu einiger Prominenz gelangte Schriftsteller Eduard Limonow oder der Gro\u00dfideologe Alexander Dugin mit seinen absurden neobyzantinischen Tr\u00e4umen spielen tragende Rollen. In Putins Reich gilt Ideologie eben noch etwas. So erkl\u00e4ren sich auch die Bedeutung des \u00bbPunkgebets\u00ab von Pussy Riot und deren so unbarmherzige Verfolgung durch die Staatsmacht; Putin muss gegnerische Symbolaktionen so ernst nehmen, wie er seine eigenen ideologischen Inszenierungen ernst genommen wissen will.<\/p>\n<p>Ulrich Schmid richtet auch einen Blick auf die Schwierigkeiten, denen Putin bei seinem scheinbar so geradlinigen Aufstieg begegnet ist; Putins Machtaura, die nicht zuletzt auf der konsequenten Bereitschaft zum Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt basiert, hat daf\u00fcr gesorgt, dass die Schw\u00e4che seiner Herrschaft meist verborgen bleibt. Wer erinnert sich noch an die Massenproteste bei seiner Wiederwahl 2012\/2013? Putins au\u00dfenpolitische Aggressionen und sein Destabilisierungsprogramm f\u00fcr Europa haben ihm zwar tats\u00e4chlich zeitweilig Traumwerte in Umfragen beschafft, aber er pokert hoch. Er braucht handfeste materielle Anreize, damit ihm sein \u00bbImperium\u00ab nicht schnell wieder auseinanderbr\u00f6selt. Auf Dauer wird da auch die Ideologie nicht helfen, mittelfristig aber durchaus \u2013 zumal im Verbund mit ein bisschen Krieg.<\/p>\n<\/div>\n<p>Erschienen in der<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2016\/16\/53877.html\"><em> Jungle World<\/em> 16\/16<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notorische Putin-Versteher werden es nicht gerne lesen. Ulrich Schmid und Michel Eltchaninoff greifen in ihren erhellenden B\u00fcchern \u00fcber den russischen Pr\u00e4sidenten auf eine lange untersch\u00e4tzte Methode zur\u00fcck: Ideologiekritik. 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