{"id":150,"date":"2015-12-17T00:06:31","date_gmt":"2015-12-16T23:06:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=150"},"modified":"2016-06-29T17:41:48","modified_gmt":"2016-06-29T15:41:48","slug":"erst-kamen-die-spione-dann-die-touristen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=150","title":{"rendered":"Erst kamen die Spione, dann die Touristen"},"content":{"rendered":"<div class=\"menuR\">\n<p class=\"intro\"><strong>Die Geschichte Istanbuls spiegelt die Konflikte und Gegens\u00e4tze der T\u00fcrkei. Charles King schildert in seinem Buch \u00bbMitternacht in Pera Palace\u00ab die Stadtentwicklung in der ersten H\u00e4lfte des 20.\u2009Jahrhunderts.<\/strong><\/p>\n<p>Der Istanbuler Nachtclubhit von 1944 hatte einen einpr\u00e4gsamen Refrain: \u00bbBoo Boo Baby, ich bin ein Spion.\u00ab Die Stadt war im Zweiten Weltkrieg von strategischer Bedeutung f\u00fcr die Nachrichtendienste, die sich hier als Feinde auf neutralem Boden begegneten. \u00dcber Istanbul liefen auch die dramatischen Rettungsaktionen per Schiff, mit denen Juden aus den Balkan-Staaten nach Pal\u00e4stina gebracht wurden. Genau genommen nahmen sie ihren Ausgang in einem Zimmer des noch heute bestehenden Istanbuler Luxushotels \u00bbPera Palace\u00ab. In dessen Foyer explodierte 1941 eine von deutschen und bulgarischen Agenten einer Gruppe britischer Diplomaten untergeschobene Kofferbombe. Zwei Jahre zuvor war hier, wenige Monate vor Ausbruch des Krieges, der deutsche Propagandaminister Joseph Goebbels abgestiegen, der sich bei seinem Besuch am Bosporus die Restaurierungsarbeiten an den byzantinischen Fresken in der Hagia Sophia ansah, die damals von der kemalistischen Republik von einer Moschee in ein Museum umgewandelt wurde. Eine Transformation, gegen die \u00adIslamisten unter wohlwollendem Patronat der t\u00fcrkischen Regierungspartei AKP heutzutage \u00adregelm\u00e4\u00dfig vor dem Bauwerk demonstrieren.<\/p><\/div>\n<div class=\"body\">\n<p>Die Geschichten, die der Historiker Charles King in seinem Buch \u00bbMitternacht in Pera Palace\u00ab \u00fcber \u00bbdie Geburt des modernen Istanbul\u00ab erz\u00e4hlt, f\u00fchren durch die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, als die T\u00fcrkei als Nationalstaat geschaffen und die Grundlage f\u00fcr die heutigen Verh\u00e4ltnisse im Nahen Osten gelegt wurde. Nicht nur der Name Konstantinopels wurde damals \u00bbt\u00fcrkisiert\u00ab. Der Prozentsatz der nichtmuslimischen Einwohner ging zwischen 1900 und 1930 von 55\u00a0Prozent auf unter 35\u00a0Prozent zur\u00fcck, durch die linksnationalistischen Pogrome der f\u00fcnfziger Jahre wurden die restlichen Griechen nahezu g\u00e4nzlich vertrieben. Die Ingredienzien Istanbuler Stadtgeschichte in den Jahrzehnten nach 1900 kennt man aus den konfliktreichen Phasen des 20.\u2009Jahrhunderts: Pogrome, Vertreibungen, Krieg, alliierte Besatzungszeit und immer wieder Fl\u00fcchtlinge, die in die Stadt kommen, wie die vertriebenen und zu T\u00fcrken erkl\u00e4rten muslimischen Einwohnern Salonikis und die Fl\u00fcchtlinge aus dem russischen B\u00fcrgerkrieg. Heute sind es Syrer, die nach Istanbul fliehen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch das andere Istanbul, die Invasion des Jazz und die Eliten des Kemalismus, die die mond\u00e4nen Nachtklubs frequentieren. Die Widerspr\u00fcche und Konflikte, die die Geschichte von Istanbul pr\u00e4gen, sind bis heute zentrale Probleme der ganzen Region: ethnische beziehungsweise religi\u00f6se Homogenisierung, Vertreibungen und ein staatlicher S\u00e4kularismus, der in der politischen Praxis jedoch zugleich sunnitische Islamisierung bedeutet. Die Wirkung des Nationalismus auf den religi\u00f6s und ethnisch zersplitterten Nahen Osten war verheerend; auch die Rezeption der Region in Europa als prim\u00e4r islamische ist einer Kette von Vertreibungen, Mas\u00adsakern und Auswanderungswellen sp\u00e4testens seit Ende des 19.\u2009Jahrhunderts geschuldet. Die derzeitigen Konflikte in Syrien oder dem Irak sind nur ein weiterer H\u00f6hepunkt dieser Entwicklung.<\/p>\n<p>Die Stadt am Bosporus samt ihrer Geschichte ist nur scheinbar ein \u00bbexotisches\u00ab Terrain mit touristischen Sehensw\u00fcrdigkeiten wie der Blauen Moschee. Die Umw\u00e4lzungen der Moderne finden sich in Istanbul an bestimmten Punkten der Stadt geradezu symbolhaft verdichtet: Besonders markant war das im jahr 2013 bei den Protesten rund um den Gezi-Park zu sehen. Ausgangspunkt war die vom damaligen Ministerpr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan geplante Errichtung eines Einkaufszentrums, dessen Fassade einer osmanischen Kaserne nachempfunden war, wobei der den Park umgebende Taksim-Platz historisch die kemalistische T\u00fcrkei repr\u00e4sentiert, die eben jenes Osmanische Reich kurzerhand beerdigt hat, an das Erdo\u011fan so gerne symbolisch erinnert.<\/p>\n<p>Kings hervorragend lesbarer \u00dcberblick \u00fcber die Gr\u00fcndungsjahre und ersten Jahrzehnte der T\u00fcrkei fokussiert auf die Gegend von Beyo\u011flu als dem klassischen \u00bbeurop\u00e4ischen\u00ab Viertel Istanbuls. Das hat seine historische Berechtigung, \u00adallerdings fehlt ein Blick auf die damaligen R\u00e4nder der Stadt, die heute so weit ausgeufert sind, oder auf die Gegenmodelle zu Beyo\u011flu, etwa in Fatih, einem Stadtbezirk, nach dem mittlerweile das ganze alte Stadtgebiet vom ehemaligen Sultanspalast bis zu den byzantinischen Stadtmauern benannt ist.<\/p>\n<p><b>In Fatih herrscht die AKP in den K\u00f6pfen und auf der Stra\u00dfe,<\/b> und die osmanische \u00bbEroberermoschee\u00ab ist nicht zuf\u00e4llig von Erdo\u011fan so aufwendig restauriert worden. Hier hat man auch keine M\u00fche, syrische Islamisten zu finden. Aber auch die AKP-Moderne jenseits von Pluderhosen und Gesichtsverschleierung kann man in Fatih besichtigen, etwa in Sulukule, einem Viertel, in dem Roma wahrscheinlich schon seit \u00fcber 1\u2009000\u00a0Jahren gelebt haben\u00a0\u2013 bis die AKP-Stadtregierung die angestammte Bev\u00f6lkerung aus dem verslumten Gebiet warf und es mit Reihenh\u00e4usern bebaute, die trotz aller pseudoosmanischen Applikationen sehr deutsch wirken.<\/p>\n<p>Den j\u00fcngsten Vertreibungen entsprechen die historischen. In den ehemals j\u00fcdischen und griechischen Stadtteilen Fener und Balat kann man noch die verbliebenen Institutionen der ehemaligen Bewohner, wie Schulen und Patriarchate, auffinden, die hinter den sch\u00fctzenden Stacheldrahtrollen und Z\u00e4unen eher wie Gef\u00e4ngnisse aussehen. Allerletzte Lokale mit Alkoholausschank halten hier noch die Fahne der Weltlichkeit hoch, in diesen Vierteln an den Abh\u00e4ngen des Goldenen Horns waren einst die ber\u00fchmten Beyhanes zu finden, die Weinkneipen Konstan\u00adtinopels. In Stra\u00dfen, die einmal das Zentrum dieser Trink- und Feierkultur waren, finden sich nurmehr kleine L\u00e4den, in denen Limonade und Wasser von konservativen Muslimen verkauft werden.<\/p>\n<p>Drei Kilometer Luftlinie einmal quer \u00fcber das Goldene Horn sind in Istanbul eine Entfernung, die ganze Welten voneinander trennt. Die AKP-Stadtteile Fatihs stehen gegen Beyo\u011flu mit dem alten Pera, dem Zentrum von Kings Stadtbiographie. Beyo\u011flu ist einer der Hauptanziehungspunkte f\u00fcr den Tourismus, hier ist es ein bisschen wie in Berlin oder New York City, mit neuen Townhouses zwischen den letzten, noch unsanierten H\u00e4usern aus der Glanzzeit von Pera, als die Istiklal Caddesi, die Unabh\u00e4ngigkeitsstra\u00dfe, noch Grand Boulevard de Pera hie\u00df. Wie ein Symbol f\u00fcr die Unwirklichkeit der Stadtmoderne f\u00e4hrt hier die h\u00fcbsche Nostalgiestra\u00dfenbahn durch die \u0130stiklal zum Taksim-Platz. Die Atmosph\u00e4re der sp\u00e4tosmanischen \u00c4ra, als betuchte Reisende mit dem Orient-Express kamen und eines der Grand Hotels der Gegend bewohnten, ist dank der Art-Deco-Bauten noch vorstellbar, aber das meiste ist nur noch aufgeh\u00fcbschte Fassade. Die Stra\u00dfenbahn ist ein Neubau aus altem Material, in den siebziger und achtziger Jahren war die \u0130stiklal eine von Autos verstopfte, heruntergekommene Stra\u00dfe, in der Pornokinos und Kneipen zu finden waren. Die Seitenstra\u00dfen waren voller Nachtclubs und die ganze Gegend ein Zentrum der Prostitution. Eine Umgebung, in der man sich den Dichter Ka gut vorstellen kann, den melancholischen, zerrissenen Protagonisten aus Orhan Pamuks ber\u00fchmtem Roman \u00bbSchnee\u00ab \u00fcber die Islamisierung der T\u00fcrkei. Pamuk l\u00e4sst den Dichter passend im Exil eines grauen, nasskalten Frankfurter Bahnhofsviertels leben, das einmal eine \u00e4hnlich unwirtliche, aber gnadenlos \u00bbechte\u00ab Gegend war wie diese Istanbuler Gegend. Ende der achtziger Jahre konnte man sich sehr gut vorstellen, dass der ganze Stadtteil mit seinen zerfallenden Bauten bald verschwunden sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p><b>Aber es kam ganz anders; die \u0130stiklal ist nun eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone,<\/b> in der man so gut wie kein Kopftuch sieht. Die sch\u00e4bigen Nachtclubs sind Restaurants und Bars gewichen. Hier und da hat man unter dem Putz zutage getretene alte Gesch\u00e4ftsaufschriften aus den zwanziger Jahren liebevoll restauriert, der Bezug auf das alte Pera ist schick. Auch das \u00bbPera Palace\u00ab ist grund\u00fcberholt, und wenn im nahen, privatfinanzierten Pera-Museum die Hautevolee des Istanbuler Bildungsb\u00fcrgertums zum Eingang str\u00f6mt, beispielsweise f\u00fcr eine Ausstellung mit Fotografien, die das moderne \u00bbNeue Leben\u00ab der Republik in den drei\u00dfiger Jahren feiert, dann ist es hier wohl ein bi\u00dfchen wie fr\u00fcher. Das Museumsgeb\u00e4ude war einst ebenfalls ein Luxushotel. Auf den B\u00fcrgersteigen der Umgebung leben heute syrische Fl\u00fcchtlingsfamilien. Vom Museumseingang aus blickt man im weiten Rund \u00fcber die in den siebziger Jahren mit einem Parkhaus verschandelte kleine Parkanlage hinweg, die einmal Petit Le Champs hie\u00df, auf Viertel, in denen die H\u00e4user noch unrenoviert in sich zusammenfallen und viele Bewohner Kurden sind. Das ist alles k\u00fcnftiges Sanierungsgebiet. Nur dass danach kaum noch ein Kurde hier wohnen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Wie eine Drohung liegen die gigantischen Kreuzfahrtschiffe wie umgekippte Hochh\u00e4user nahe der Galatabr\u00fccke im Wasser des Bosporus. Von einem der F\u00e4hrschiffe aus wirkt die Stadt klein. Das ist neben der AKP die andere Bedrohung der alten Viertel auf dem H\u00fcgel von Pera und Galata: Vom Massentourismus ist Istanbul nicht anders betroffen als Barcelona, Venedig, Paris oder Berlin. Das Einkaufszentrum mit neoosmanischer Fassade, das Erdo\u011fan so gerne am Taksim-Platz statt des Gezi-Parks sehen will, w\u00fcrde bald zum Shopping-Tipp. Die wunderbaren Buchhandlungen in der \u0130stiklal k\u00e4mpfen l\u00e4ngst wegen der hohen Mieten ums \u00dcberleben und die Librairie de Pera, der \u00e4lteste Buchladen Beyo\u011flus, dessen Schaufenster die Klassiker der nah\u00f6stlichen Reiseliteraur in bibliophilen Ausgaben best\u00fcckten, hat seinen Standort einem simplen Souvenirladen \u00fcberlassen m\u00fcssen. Es ist der alte Fluch des Tourismus: Das, was er verkaufen will, zerst\u00f6rt er zugleich. Gepr\u00e4gt von H\u2009&amp;\u2009M und Media Markt wirkt die \u0130stiklal nicht mehr unbedingt attraktiver als die Frankfurter Zeil\u00a0\u2013 auch wenn nachts doch wesentlich mehr los ist. In den engen, steilen Stra\u00dfen findet man schon l\u00e4ngst das Caf\u00e9 im New Yorker Stil neben dem alten Barbier, der aber auch schon Preise nimmt, die weit oberhalb derer t\u00fcrkischer Friseure des Frankfurter Bahnhofsviertels liegen. In diesen Gassen in Richtung Bosporus liegt auch das einem Roman von Orhan Pamuk gewidmete \u00bbMuseum der Unschuld\u00ab. Ein melancholischer Ort.<\/p>\n<p>Erschienen in der <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/50\/53152.html\">Jungle World 50\/15<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte Istanbuls spiegelt die Konflikte und Gegens\u00e4tze der T\u00fcrkei. Charles King schildert in seinem Buch \u00bbMitternacht in Pera Palace\u00ab die Stadtentwicklung in der ersten H\u00e4lfte des 20.\u2009Jahrhunderts. 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