{"id":117,"date":"2015-07-04T21:44:41","date_gmt":"2015-07-04T19:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=117"},"modified":"2016-06-29T17:46:17","modified_gmt":"2016-06-29T15:46:17","slug":"tausendundeine-terrormiliz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=117","title":{"rendered":"Tausendundeine Terrormiliz"},"content":{"rendered":"<div class=\"head\">\n<p class=\"intro\">Seit vor \u00fcber einem Jahr der \u00bbIslamische Staat\u00ab die Millionenstadt <strong>Mossul \u00fcberrannte, kontrolliert die Miliz jeden Winkel der Metropole. Druckfrische Fachliteratur best\u00e4tigt anl\u00e4sslich dieses Jahrestages alte Klischees, stellt neue Fragen und enth\u00fcllt verbl\u00fcffende Details.<\/strong><\/p>\n<p>ISIS, IS, der Islamische Staat, das Kalifat, wie auch immer, hat jedenfalls eines geschafft: Die deutsche Sprache um den kernigen Begriff \u00bbTerrormiliz\u00ab zu bereichern. Die \u00bbTerrormiliz\u00ab kam quasi \u00fcber Nacht und wird nachrichtensprachlich so gehandhabt, als handele es sich dabei um einen von alters her feststehenden Begriff wie Autobahnmaut oder Erdbeerjoghurt. In Wahrheit wissen wir definitiv nur eines \u00fcber die \u00bbTerrormiliz\u00ab: Sie hat J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer als bisher einzigen nichtmuslimischen Journalisten eingeladen, empfangen und wieder gehen lassen. Muss man eigentlich mehr wissen?<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"body\">\n<p><b>Der B\u00fcchersommer bietet mit einer Schwemme von Fachliteratur zum \u00bbKalifat\u00ab<\/b> die M\u00f6glichkeit, sich umfassend \u00fcber jenes merkw\u00fcrdige Gebilde \u00bbTerrormiliz\u00ab zu informieren; wobei die eher vertrauenerweckenden Werke diesen Begriff dann doch meiden. Damit ist \u00fcber Loretta Napoleonis im Rotpunktverlag erschienene \u00bbDie R\u00fcckkehr des Kalifats\u00ab bereits das Urteil gesprochen. Das B\u00fcchlein bietet ein perfektes Beispiel f\u00fcr eine bestimmte Sorte unausrottbarer Berichterstattung \u00fcber den Nahen Osten: ein Reich des Google-Wissens, der Verk\u00fcrzungen und falschen Bez\u00fcge, blo\u00df, dass drei halbwahre Fakten immer noch keinen kompletten Gedanken ersetzen. Man nehme ein bisschen antiimperialistisches Klischee\u00a0\u2013 \u00d6l! \u2013, eine Prise Terrorwarnung und garniere das mit mahnenden Verweisen auf die Verantwortung und die Fehler des Westens. Das erweckt den Anschein tiefer und kritischer Reflexion. Im \u00dcbrigen schreibt man bequem der Propaganda des \u00bbIslamischen Staates\u00ab hinterher. Von da hat Napoleoni auch ihre gro\u00dfe These, die \u00bbTerrormiliz\u00ab sei dabei, \u00bbpragmatisch\u00ab einen \u00bbmodernen\u00ab Staat aufzubauen. Das Kalifat gehe Partnerschaften mit lokalen St\u00e4mmen ein und verteile im Gegensatz zu den alten Herrschern die Gewinne aus der Ausbeutung von Ressourcen. Auf die grausamen Handyvideos von der Abschlachtung eines nordsyrischen Stammes durch die Jihadisten, mit dem es Probleme bei ebenjener Partnerschaft und Ressourcenverteilung gab, ist die Autorin beim Googeln offenbar nicht gesto\u00dfen. Diese Propagandafilme richten sich allerdings direkt an die Untertanen des \u00bbKalifats\u00ab und nicht an das globale Publikum, daher sehen sie auch gar nicht mehr so \u00e4sthetisch und in den Gemetzeldetails liebevoll produziert aus. Als Drohung, was bei Unbotm\u00e4\u00dfigkeit passiert, erinnern sie an die d\u00fcstersten Seiten der Diktaturen Saddam Husseins und Assads. Insofern ist der angeblich so innovative Kalifatsstaat auch blo\u00df der neue Aufguss eines uralten Nahostsuds.<\/p>\n<p><b>Die mit Geheimdienstmethoden vorbereitete Macht\u00fcbernahme von ISIS in Nordsyrien,<\/b> wo die Stammesscheichs ihre Treue zum Kalifen dann genauso bekunden mussten wie vorher zum gro\u00dfen F\u00fchrer Assad, kann man sehr ausf\u00fchrlich in Hassan Hassans und Michael Weiss\u2019 bisher nicht \u00fcbersetztem Buch \u00bbISIS. Inside the Army of Terror\u00ab nachlesen. Hassan stammt selbst aus dem syrischen Abu Kemal, das seit \u00fcber einem Jahrzehnt als Transferknotenpunkt der Jihadistenrouten zwischen Irak und Syrien dient. Das Buch rekapituliert mit zahlreichen Details die gesamte Vorg\u00e4ngergeschichte des \u00bbIslamischen Staates\u00ab, die entgegen einer mittlerweile in Deutschland beliebten Umdeutung nicht etwa 2003 mit dem Sturz Saddam Husseins, sondern Ende der achtziger Jahre mit al-Qaida in Afghanistan begann. Hassan und Weiss, die unter anderem im Guardian publizieren, machen in ihrer Betrachtung des nah\u00f6stlichen Tableaus unmissverst\u00e4ndlich folgende Punkte besonders stark: Den Einfluss des irakischen Ba\u2019athismus auf ISIS, die zentrale Rolle des syrischen Assad-Regimes bei der Organisation des Jihadismus im Irak nach 2003 sowie die verheerende iranische Machtpolitik. Damit spricht \u00bbInside the Army of Terror\u00ab einige scheinbar paradoxe Windungen nah\u00f6stlicher Politik an, die Beobachter aus dem Westen oft verwirren und zur \u00dcbernahme von Propagandaerz\u00e4hlungen bringen: Das Regime von Assad k\u00f6nne, so eine gel\u00e4ufige Meinung, ja gar nicht mit ISIS kooperieren, schneidet ISIS doch Assads Soldaten die K\u00f6pfe ab. Und erkl\u00e4ren beiden Seite sich nicht fortlaufend gegenseitig zu Todfeinden? Hassan und Weiss zeigen sehr plausibel, wie Assads Geheimdienste die \u00dcbernahme des syrischen Aufstandes durch Jihadisten orchestriert haben und wie ISIS bis heute mit Assad kooperiert. Ein weiterer paradox scheinender Erz\u00e4hlstrang durchleuchtet die Unterst\u00fctzung der sunnitischen Jihadisten in ihrem Kampf gegen die schiitische Zentralregierung des Irak durch das syrische Regime, das selbe syrische Regime, das nun in seinem \u00dcberlebensringen auf die Unterst\u00fctzung der irakischen Schiiten z\u00e4hlt, im Kampf gegen ebenjene Jihadisten, die man einst erst hochgep\u00e4ppelt hat. \u00c4hnlich verwickelt ist das Verh\u00e4ltnis von sunnitischen Jihadisten und dem Iran. Dass das Abschlachten von Schiiten bei ISIS zur Programmatik geh\u00f6rt, hat den Iran nicht gehindert, mit ISIS zu kooperieren, wenn es opportun erschien und gegen die Amerikaner ging. Das ist alles nur solange widerspr\u00fcchlich, bis man die konkrete Geschichte und Interessenslage der einzelnen Akteure genauer in den Blick nimmt. Ideologische Behauptungen darf man dabei durchaus ernst nehmen\u00a0\u2013 doch niemals absolut setzen, ohne Blick auf die sich bietenden M\u00f6glichkeiten. Jedes profitable dreckige Gesch\u00e4ft, das man unter dem Tisch verhandeln kann, wird in der Region auch get\u00e4tigt; zumal, wenn es gegen einem gemeinsamen Feind geht, so sehr man sich gegenseitig auch hassen mag. Das ohne R\u00fccksicht auf eigene Scheuklappen zugeben zu k\u00f6nnen, darin besteht letztlich das ganze Geheimnis guter Nahostberichterstattung.<\/p>\n<p>Aber vielleicht will man auch nicht alle Details bis ins Afghanistan der achtziger Jahre wie bei Hassan und Weiss kennenlernen und ganze Sonntagnachmittage mit ISIS zusammen auf der Couch verbringen. Die Kunst, aus unz\u00e4hligen Details und Fakten ein gut geschriebenes, klar strukturiertes Buch zu machen, demonstriert Christoph Reuter mit \u00bbDie schwarze Macht\u00ab, erschienen bei DVA. Das Buch des Spiegel-Korrespondenten kann sogar mit einem markanten Quellenfund aufwarten: Reuter hat die nachgelassenen Papiere eines Strategen von ISIS ausgewertet. Dieser Haji Bakr war Geheimdienstoffizier unter Saddam Hussein und seine Organigramme zum Aufbau des \u00bbKalifats\u00ab mit diversen, sich gegenseitig \u00fcberwachenden Geheimdiensten sind der bisher deutlichste Hinweis darauf, wie stark die ehemalige al-Qaida-Unterorganisation seit ihrer \u00bbIrakisierung\u00ab 2010 ein b\u00f6sartiges Verm\u00e4chtnis von Saddam Husseins Terrorapparat darstellt. Auch die Recherchen Reuters zu dem pl\u00f6tzlichen Erscheinen von Jabat al-Nusra in Syrien im Winter 2011\/12 geben zu denken. Urspr\u00fcnglich als syrischer Ableger der irakischen al-Qaida-Filiale geplant, wurde Jabat al-Nusra vor allem durch einige spektakul\u00e4re Bombenanschl\u00e4ge gegen Geheimdienstgeb\u00e4ude in Damaskus bekannt; es spricht viel daf\u00fcr, dass die Nusra-Front zu diesem Zeitpunkt vor allem ein Produkt des syrischen Geheimdienstes selbst war\u00a0\u2013 in Zusammenarbeit mit ehemaligen irakischen Kollegen der Syrer, wie dem omin\u00f6sen Haji Bakr. Zu den faszinierendsten, zugleich aber auch betr\u00fcblichsten Stellen in Reuters Buch geh\u00f6rt die plastische Schilderung der nordsyrischen Szenerie 2013, wo inmitten von Chaos und Krieg Aktivisten versuchten, die Verwaltung der befreiten Gebiete zu organisieren, w\u00e4hrend Jihadisten aller Kontinente ins Land str\u00f6mten, oft um eine Art Abenteuerurlaub zu erleben. Dann begannen pl\u00f6tzlich Entf\u00fchrungen und Morde, zu denen sich niemand bekannte. Es war ISIS, nun in alten Ba\u2019ath-Terrormethoden trainiert, die, ohne sich zun\u00e4chst zu erkennen zu geben, die \u00dcbernahme ganzer Landstriche vorbereitete. Reuter wagt auch einen schwierigen Blick hinter die Kulissen des Alltags im \u00bbIslamischen Staat\u00ab, der ihm als Journalist zwar verschlossen bleibt, f\u00fcr den er jedoch auf Informanten zur\u00fcckgreifen konnte. Sein Fazit ist schlicht: In Reich des Kalifen al-Baghdadi dreht sich alles um Kontrolle und Gewalt. Ganz alter Naher Osten eben.<\/p>\n<p><b>Wer aber nun schon seit jeher der Meinung ist, dass die Amerikaner, das \u00d6l, Kreuzritter<\/b> und sowieso die permanente Beleidigung aller Muslime an allem schuld seien, der greife besser zu J\u00fcrgen Todenh\u00f6fers Bestseller \u00bbInside IS\u00a0\u2013 10 Tage im \u203aIslamischen Staat\u2039\u00ab. Das Buch ist schlecht. Ein Urteil, das hier nicht \u00fcberraschen mag. Es gilt auch jenseits von Diskussionen \u00fcber journalistische Ethik und Todenh\u00f6fers Selbstdarstellershow als unerm\u00fcdlicher K\u00e4mpfer f\u00fcr die \u00bbWahrheit\u00ab, der von der Propagandakompanie des Kalifen ebenso profitiert hat, wie sie von ihm. Es geht dabei nicht einmal um Todenh\u00f6fers politische \u00bbPosition\u00ab oder gar um Ideologisches. Das Buch ist schlecht, weil es sehr viel \u00fcber J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer erz\u00e4hlt, aber praktisch nichts \u00fcber ISIS. Nur etwas mehr als ein Drittel des Textes berichtet \u00fcberhaupt vom Aufenthalt im \u00bbKalifat\u00ab selbst. Vorher schreibt Todenh\u00f6fer seitenweise den wenig originellen Mailverkehr mit einem deutschen Jihadisten ab. Seine Erl\u00e4uterungen zur j\u00fcngeren Geschichte der Region h\u00f6ren sich an, als sei er ein aus den achtziger Jahren her\u00fcbergebeamter \u00bbAntiimp\u00ab\u00a0\u2013 was er ja gewisserma\u00dfen auch ist. Wenn es endlich zu den Reiseeindr\u00fccken aus dem \u00bbKalifat\u00ab kommt, kann Todenh\u00f6fer nur wenige Details beisteuern, die man nicht sowieso schon aus allen m\u00f6glichen Artikeln kennt: Neu ist etwa, dass der stark \u00fcbergewichtige deutsche Jihadist Abu Qatadah fatalerweise Snickers zum Fr\u00fchst\u00fcck isst und dass die Sauberkeit sanit\u00e4rer Anlagen im Kalifat sich offenbar nicht von der in anderen Regionen des Nahen Ostens unterscheidet. Man erf\u00e4hrt auch, dass die Sprengstoffg\u00fcrtel der Jihadisten gar nicht so klobig sind, wie Todenh\u00f6fer sie sich vorgestellt hat. Er probiert auch mal einen an. Mehr gibt das alles nicht her. An Todenh\u00f6fers Buch l\u00e4sst sich vor allem noch einmal die ungeheure L\u00fccke nachvollziehen, die durch den Tod von Peter Scholl-Latour in der deutschen Abenteuerliteratur entstanden ist. Scholl-Latour war feinster Trash, Todenh\u00f6fer dagegen ist blo\u00df ein deutscher Ideologe, der auf der Suche nach \u00bbWahrheit\u00ab unerm\u00fcdlich mit \u00bbbeiden Seiten\u00ab reden will, um \u00bbFrieden\u00ab zu stiften. Weswegen er auch so gerne Diktatoren und Terroristen interviewt.<\/p>\n<p>Da wartet man doch lieber auf die Lonely-Planet-Ausgabe zum \u00bbKalifat\u00ab. Den entsprechenden Dumont-Kunstreisef\u00fchrer kann man sich wahrscheinlich schenken.<\/p>\n<\/div>\n<p>Erschienen in der\u00a0<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/27\/52228.html\"> <em>Jungle World<\/em> 27\/15<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vor \u00fcber einem Jahr der \u00bbIslamische Staat\u00ab die Millionenstadt Mossul \u00fcberrannte, kontrolliert die Miliz jeden Winkel der Metropole. Druckfrische Fachliteratur best\u00e4tigt anl\u00e4sslich dieses Jahrestages alte Klischees, stellt neue Fragen und enth\u00fcllt verbl\u00fcffende Details. ISIS, IS, der Islamische Staat, das Kalifat, wie auch immer, hat jedenfalls eines geschafft: Die deutsche Sprache um den kernigen Begriff [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[63,57,60,58,56,59,62,61,11],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":138,"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions\/138"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}