{"id":110,"date":"2015-05-19T11:51:22","date_gmt":"2015-05-19T09:51:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=110"},"modified":"2015-09-17T01:44:16","modified_gmt":"2015-09-16T23:44:16","slug":"jemen-unruhe-nach-dem-sturm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.geschichtsrallye.de\/?p=110","title":{"rendered":"Jemen &#8211; Unruhe nach dem Sturm"},"content":{"rendered":"<p>So pl\u00f6tzlich wie der Sturm gekommen war, so pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er nach einem Monat angeblich wieder auf: Die \u00bbDecisive Storm\u00ab getaufte Luftangriffsoffensive einer von Saudi-Arabien angef\u00fchrten Koaliation gegen die schiitischen Houthi-Milizen und die mit ihnen verb\u00fcndeten K\u00e4mpfer des ehemaligen jemenitischen Pr\u00e4sidenten Ali Abdullah Saleh wurde am Dienstag vergangener Woche f\u00fcr beendet erkl\u00e4rte. Die Verbl\u00fcffung war allenthalben gro\u00df. War schon unklar gewesen, was genau das \u00bbentscheidende\u00ab Ziel des ganzen Unternehmens sein sollte, war nun noch r\u00e4tselhafter, was die Saudis nach rund 2\u2009000\u00a0Luftangriffen erreicht haben wollten. Umgehend machten im Jemen Witze die Runde, die sprunghafte saudische Kriegsf\u00fchrung sei wohl mit einer Alzheimer-Erkrankung des neuen saudischen K\u00f6nigs Salman zu erkl\u00e4ren, der 80\u00a0Jahre alt ist.<\/p>\n<p>Die saudische F\u00fchrung jedenfalls sprach unbeirrt davon, man habe die milit\u00e4rischen Ziele erreicht und wolle sich nun auf den politischen Prozess konzentrieren. Daf\u00fcr wurde \u00bbDecisive Storm\u00ab in \u00bbRestoring Hope\u00ab umbenannt und ein saudischer Prinz lobte 100\u00a0Bentleys als Belohnung f\u00fcr saudische Kampfpiloten aus. Der Name \u00bbRestoring Hope\u00ab ist vielleicht etwas ungl\u00fccklich gew\u00e4hlt, erinnert er doch an den gleichnamigen Beginn der US-Kampagne in Somalia 1992\/93, die mit \u00bbBlack Hawk Down\u00ab, dem Tod von 18 Soldaten, zu einem Desaster f\u00fcr die USA wurde, w\u00e4hrend Somalia bis heute das Paradebeispiel f\u00fcr einen failed state geblieben ist.<\/p>\n<p><b>Die direkten milit\u00e4rischen Ergebnisse scheinen jedenfalls kurzfristig eher zuungunsten der Saudis ausgefallen zu sein.<\/b> Die Houthis und Salehs Truppen r\u00fcckten bis in die s\u00fcdjemenitische Metropole Aden vor, sie kontrollieren gro\u00dfe Teile der nordjemenitischen Gro\u00dfstadt und der Provinz Taiz und sind weit in die von sunnitischen St\u00e4mmen kontrollierten Provinzen von Shabwa und Marib vorgedrungen. Gerade Marib im Osten des Nordjemen ist seit jeher ein semiautonomes Machtzentrum in Opposition zur Hauptstadt Sanaa, dessen St\u00e4mme f\u00fcr saudische Subsidien immer empf\u00e4nglich waren. Nun wird dort \u00fcberall gek\u00e4mpft und es ist wahrscheinlich, dass die Streitkr\u00e4fte der Houthis und Salehs gerade wegen ihres scheinbar unaufhaltbaren Vormarsches ihre Ressourcen irgendwann einmal ersch\u00f6pft und ihre Versorgungslinien \u00fcberdehnt haben werden.<\/p>\n<p>Der urspr\u00fcngliche Plan der Saudis wird jedoch kaum so verwickelt gewesen sein, das w\u00e4re selbst f\u00fcr den Nahen Osten etwas zu komplex. Vermutlich hatten sie gehofft, den Gegner milit\u00e4risch zu bremsen und so gleichzeitig in Aden einen Herrschaftsraum f\u00fcr die international anerkannte Regierung von Pr\u00e4sident Abd Rabbuh Mansur Hadi zu schaffen. Der musste sich jedoch, kurz bevor die Houthis Aden erreichten, nach Saudi-Arabien absetzen, so dass die offizielle jemenitische Regierung wenig glaubw\u00fcrdig von Riad aus agieren muss, zumal es vermutlich kaum noch Truppen und K\u00e4mpfer gibt, die explizit in ihrem Namen k\u00e4mpfen. In Aden scheinen vor allem Einwohner Widerstand zu leisten, die eher zur Forderung einer s\u00fcdjemenitischen Unabh\u00e4ngigkeit neigen d\u00fcrften, je l\u00e4nger die Invasion aus dem Norden andauert.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Gewinner des saudischen Bombardements waren bisher die Jihadisten von al-Qaida, die ihre Position im S\u00fcdjemen erheblich ausbauen konnten. Der regionale al-Qaida-Ableger, al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (Aqap), \u00fcbernahm die Kontrolle in der K\u00fcstenstadt Mukalla\u00a0\u2013 der nach Aden gr\u00f6\u00dften und wichtigsten Hafenstadt des S\u00fcdjemen\u00a0\u2013 und ging offensichtlich im Zeichen des Widerstands gegen die Houthis ein B\u00fcndnis mit den St\u00e4mmen des Hadramaut ein, einem langestreckten fruchtbaren Tal, welches das Hauptsiedlungszentrum im ansonsten eher menschenleeren Osten des S\u00fcdjemen darstellt.<\/p>\n<p>Es stellte sich im \u00dcbrigen schnell heraus, dass der Namenswechsel bei der saudischen Intervention praktisch kaum einen Unterschied bedeutet. Bombardiert wird weiterhin, allerdings in etwas kleinerem Ma\u00dfstab, vermutlich auch, weil den Kampfflugzeugen die gro\u00dfen Ziele ausgegangen sind. Milit\u00e4rbasen und Pr\u00e4sidentenpal\u00e4ste liegen in Tr\u00fcmmern, auch eine Reihe von Hospit\u00e4lern und selbst eine Kleenex-Fabrik in Sanaa wurden zum Ziel. Den offiziellen Schlusspunkt der Kampagne setzte eine gigantische Explosion auf der Milit\u00e4rbasis von Faj Attan in Sanaa. Dort sollen Jemens Scud-Raketen sowie gro\u00dfe Munitionsvorr\u00e4te lagern.<\/p>\n<p>Das angrenzende Stadtviertel geh\u00f6rt wohl zu den von den Luftangriffen am st\u00e4rksten betroffenen Gebieten. Nach der Z\u00e4hlung der Weltgesundheitsorganisation WHO waren rund 1\u2009000\u00a0Tote und \u00fcber 4\u2009000\u00a0Verletzte zu beklagen. Das sind jedoch allein die unmittelbaren Opfer, dazu kommen die Betroffenen der allerorten ausgebrochenen K\u00e4mpfe, die etwa in Marib die schwersten seit der jemenitischen Revolution in den sechziger Jahren sein sollen. Auch die Bilder von brennenden Wohnh\u00e4usern und Stra\u00dfenk\u00e4mpfen in Aden lassen D\u00fcsteres bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p><b>Als verh\u00e4ngnisvoll d\u00fcrften sich auch die Infrastruktursch\u00e4den und die sich abzeichnende Versorgungskrise erweisen;<\/b> die Hauptstromquelle f\u00fcr den Nordjemen, ein Kraftwerk in Marib, fiel infolge der Zerst\u00f6rung der Hauptleitung aus. In Hodeidah, der wichtigsten Hafenstadt des Nordjemen, soll den 500\u2009000 Einwohnern wegen Ausfalls der Pumpen die Wasserversorgung abgestellt werden. Dem Jemen drohe ein Kollaps des Gesundheitswesens, warnte die WHO. Zur Unterbrechung aller K\u00fchlketten und Benzinmangel tritt das Versorgungsproblem eines Landes, das 90\u00a0Prozent seiner Nahungsmittel importieren muss. Hier wird sich schnell zeigen, was die von Saudi-Arabien angek\u00fcndigte See- und Luftblockade tats\u00e4chlich bedeutet\u00a0\u2013 die nominell gegen vermeintliche oder tats\u00e4chliche Waffenlieferungen des Iran gerichtet ist.<\/p>\n<p>Die Rolle der USA bei diesen Vorg\u00e4ngen ist unklar. Bisher hat es Pr\u00e4sident Barack Obama, der den Jemen noch im vergangenen Jahr als \u00bbErfolgsmodell\u00ab geprie\u00dfen hatte (Jungle World 8\/2015), vermieden, eine Jemen-Strategie auch nur erahnen zu lassen. Die US Navy hat einen Flugzeugtr\u00e4ger entsandt, dessen Aufgabe seltsam vage beschrieben wird. Ein Sprecher des Pentagon erkl\u00e4rte, es sei \u00bbetwas \u00fcberspitzt\u00ab, davon zu sprechen, die US-Schiffe sollten iranische Waffenlieferungen abfangen. Vermutlich tut Obama also wieder nur so, als t\u00e4te er etwas. Insofern ist im Jemen alles beim Alten geblieben, au\u00dfer dass die Verh\u00e4ltnisse noch ungewisser und potentiell verheerender geworden sind. Das Drama wird sich fortsetzen.<\/p>\n<p><b>Der undurchschaubare und jahrzehntelang erfolgreiche Taktierer Saleh<\/b> forderte von den mit ihm verb\u00fcndeten Houthis eine Einstellung der Kampfhandlungen und Verhandlungen in Genf, die ihm ein weites Feld f\u00fcr Intrigen und verwinkelte Schachz\u00fcge er\u00f6ffnen w\u00fcrden. Die Houthis murren \u00fcber ihren Verb\u00fcndeten Saleh und dessen angebliche Verst\u00e4ndigungsbereitschaft gegen\u00fcber den Saudis. Diese wiederum werfen flei\u00dfig Waffen und Munition f\u00fcr Stammeskrieger \u00fcber dem Jemen ab, die allerdings manchmal im Gebiet der Houthi-K\u00e4mpfer landen.<\/p>\n<p>UN-Generalsekret\u00e4r Ban Ki-moon hat nach dem gl\u00fccklosen Jamal Benomar, der ins Visier der Saudis geraten war, einen neuen Sondergesandten f\u00fcr den Jemen ernannt, den Mauretanier \u00adIsmail Ould Cheikh Ahmed. Er wird wohl nicht der letzte Sondergesandte der UN bleiben. Und die USA haben ihren Drohnenkrieg nach ein paar Wochen Zwangspause\u00a0\u2013 das im Jemen stationierte Personal musste evakuiert werden, bevor al-Qaida den St\u00fctzpunkt eroberte\u00a0\u2013 wieder aufgenommen. Angeblich hat es mit Nasr al-Ansi bereits einen hochrangigen F\u00fchrer von al-Qaida getroffen, aber sicher ist das nicht. Sicher ist nur, dass es weitere Katastrophenmeldungen aus dem Jemen geben wird.<\/p>\n<p>Erschienen in der <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/18\/51875.html\">Jungle World 18\/15<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So pl\u00f6tzlich wie der Sturm gekommen war, so pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er nach einem Monat angeblich wieder auf: Die \u00bbDecisive Storm\u00ab getaufte Luftangriffsoffensive einer von Saudi-Arabien angef\u00fchrten Koaliation gegen die schiitischen Houthi-Milizen und die mit ihnen verb\u00fcndeten K\u00e4mpfer des ehemaligen jemenitischen Pr\u00e4sidenten Ali Abdullah Saleh wurde am Dienstag vergangener Woche f\u00fcr beendet erkl\u00e4rte. 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